»Gestern? Ach nein, gestern war’s so wie heute, fast war der Weg noch länger.«

Wieder entstand eine tiefe Pause, und jeder der drei Rehefelder spann von neuem seine Gedanken.

Hermann sagte sich, daß dieser Fremde doch ein recht närrischer Kauz sein müsse. Man stand im Zeichen der Hundstage, und die liebe Sonne meinte es über alle Maßen gut. Darüber durfte man freilich im allgemeinen nicht böse sein, denn der Hafer und die Kirschen konnten noch ein paar Tage heißen Sonnenscheins gebrauchen. Aber man läuft, wenn man’s anders haben kann, bei dieser Hitze doch nicht durch das ganze Land. Ja, diese Stadtleute!

Anders dachte Antonie. Das Mädchen, dessen Bild in der goldenen Kapsel steckte, würde weit entfernt weilen, und nun ließ die Sehnsucht nach der Geliebten ihm keine Ruhe. Er hatte sich also aufgemacht, um sein Mädchen zu überraschen. Allerdings, dachte sie weiter, bequemer hätte es der Verliebte doch gehabt, wenn er die Reise zu Wagen gemacht haben würde.

Über das welke, runzlige Gesicht des alten Mütterchens aber huschte das Aufleuchten des Verständnisses.

»Zwei Tage so zu marschieren, ist sehr viel,« sprach sie, »besonders in dieser Zeit. Wenn es der junge Herr nun aber einmal getan hat, so ist es gewiß das erste Mal, daß er diesen Weg zurücklegt, und er wähnt mit Recht, daß der Mensch die Schönheit Gottes herrlicher Natur wandernd viel besser genießt, als wenn er in der dumpfigen Postkutsche sitzt und nur durch ein kleines Fenster schauen darf. Und obendrein ist es doch nicht selten, daß die liebe Reisegesellschaft selbst das bißchen Erbauung zerstört, das einem an dem kleinen Fenster vielleicht noch überkommt.«

»O, o,« dachten Hermann und Antonie gleichzeitig, »jetzt wird der Herr die Mutter aber auslachen.«

Ohne seine bequeme Lage aufzugeben, hatte der Fremde zugehört. Jetzt antwortete er, belustigt durch die geschickt verkleidete Neugier der Alten:

»Es geht nichts über Lebensweisheit. Freilich habt ihr Recht! Manch Schönes habe ich gesehen, was mir im Wagen entgangen wäre; und wenn ich, vom vielen Gehen müde, mich am Abend auf das Lager strecke, so bin ich früh doch wieder frisch und zu neuer Wanderung gekräftigt. Freilich bin ich das Marschieren gewöhnt, schon so manches Jahr wandere ich ja in der Welt herum. Aber nach einer Tagesfahrt in solch einem Rumpelkasten ist es mir immer gewesen, als wenn ich für ein schlimmes Vergehen hätte büßen müssen.«

Antonie fühlte sich sehr enttäuscht, und ihre bisher unerschütterliche Zuversicht in ihre Menschenkenntnis geriet arg ins Wanken.