Der jüngste der Brüder, Egbert, war wieder zart und hing mit inniger Liebe an Oskar.
Just um dieselbe Zeit, zu der Udo fast täglich nach Eckartsberg hinüberritt, um die schöne Gräfin Sophie zu besuchen, faßte Oskar eine tiefe Zuneigung zu der Tochter eines der angesehensten Bauern des Nachbardorfes Zehmen. Einen glücklichen Ausgang dieses Verhältnisses zu finden, war aber sehr schwierig, da sich bisher noch kein Tiefenbach ein Mädchen niederer Geburt zur Gattin erwählt hatte.
Aber Herr Oskar war nicht der Mann, sich von der Ausführung eines Vorhabens durch Hindernisse zurückhalten zu lassen. Und er sann darüber nach, wie er des Vaters Einwilligung zu diesem Schritt erhalten könne. So oft er den Vorsatz aber faßte, ihm seine Neigung anzuvertrauen, ebenso oft verschob er das Geständnis auf eine günstigere Gelegenheit.
Da kam ihm das Schicksal entgegen.
Das was ich jetzt erzähle, gnädiger Herr, habe ich später wiederholt von Herrn Oskar selbst gehört, als er es seiner Tochter, der jetzigen Freihoferin mitteilte.
Der Freiherr ließ Oskar eines Tages rufen und forderte von ihm Rechenschaft. Der Vater der Geliebten war auf das Schloß gekommen und hatte dem Freiherrn mitgeteilt, daß er die Besuche seines Sohnes Oskar, so hoch er ihn auch schätze, nicht mehr gestatten dürfe, da andernfalls seine Tochter zum Gespött der Leute werden würde. Er brauche es wohl kaum auszusprechen, hatte er weiter erklärt, daß die Neigung des Herrn von Tiefenbach ihn und seine Familie hoch ehre, aber er müsse es als Vater verhindern, daß auf den Namen seiner Tochter auch nur der Schein eines Makels falle. Der Herr Baron möge sich nur in seine Lage versetzen.
Oskar war der Lieblingssohn des alten Freiherrn, der seinen geraden und vornehmen Sinn hoch achtete. Aufmerksam hörte er das Geständnis seines Sohnes an, das in der Bitte ausklang, ihm kein Hindernis zu bereiten, sondern die viele Liebe und Güte, die er ihm bis jetzt zugewendet, durch seine Einwilligung zu dem Herzensbund von neuem zu bezeigen. Dabei verfehlten die einfachen Worte, mit denen Oskar den trefflichen Charakter der Geliebten schilderte, wie auch die männliche Festigkeit gepaart mit kindlicher Unterwerfung, mit der er seine Bitte vorbrachte, nicht, einen tiefen Eindruck auf den Freiherrn zu machen.
Er kannte seinen Sohn und wußte, daß er ein echter Tiefenbach war.
Der Vater versammelte darauf seine drei Söhne um sich und sprach über Oskars Neigung und Bitte. Er sei weit davon entfernt, seinem Kinde dafür zu zürnen, daß es das zu tun begehre, was ihm sein Herz gebiete. Denn nicht bloß in Schlössern, sondern auch in Hütten werde der Adel der Gesinnung geboren, und er sei davon überzeugt, daß jeder von ihnen wisse, was er dem fleckenlosen Wappenschilde des Geschlechtes schulde. Wenn er aber nicht ohne weiteres sein Jawort erteilen könne, so wäre es deshalb, weil dieser Schritt in der Familie noch nie getan worden sei, und er ihm die höchste Bedeutung beimesse. Er müsse erst Rat mit sich halten, bevor er einen Entschluß fassen könne. Bis dahin möge Oskar sich gedulden und der Liebe seines Vaters vertrauen.
Mit diesen Worten küßte der Freiherr den Sohn auf die Stirn, dem, überwältigt von der tiefen Bewegung, die die gütigen Worte bei ihm hervorgerufen hatten, die Tränen in die Augen getreten waren.