Wenige Tage darauf standen die Brüder erschüttert an der Leiche ihres Vaters. Er hatte einen Ritt über die Felder unternommen. Beim überraschenden Auffliegen eines Rebhühnervolkes hatte das Pferd gescheut und den alten Herrn abgeworfen. Unglücklicherweise war er mit dem linken Fuße im Steigbügel hängen geblieben und von dem galoppierenden Pferde eine große Strecke geschleift worden. Und als es dann gelang, das Tier aufzuhalten, fand man den Freiherrn entseelt vor.
Ja, Herr,« begann die Greisin nach einer Pause von neuem, »wir fühlten uns alle verwaist; es war, als wenn uns der Vater genommen wäre. Eine düstere Ahnung sagte den Dienstleuten, daß die gute Zeit für sie vorüber sei.
Seitdem die junge Frau an Herrn Udos Seite in das Schloß eingezogen war, hatte ich bei ihr den Dienst als Zofe verrichtet. Es war dies eine schlimme Zeit für mich! So viele Mühe und Sorgfalt ich auch auf meine Arbeiten verwendete, wurde mir von meiner Herrin doch niemals ein Wort der Anerkennung zuteil. Zürnende Blicke und Scheltworte empfing ich täglich und wenn ich glaubte, daß ich alles getan, um meine Arbeit zur Zufriedenheit verrichtet zu haben, erntete ich Tadel. Wie schmerzlich trafen mich die kränkenden Worte!
Als sich der Tag des Begräbnisses seinem Ende zuneigte, und die letzten Leidtragenden von der Tafel aufgestanden waren und das Schloß verlassen hatten, forderte der neue Schloßherr seine Brüder auf, ihn in das Zimmer des Vaters zu begleiten.
Schon immer hatte ich gefürchtet, daß Udo und Oskar einmal hart an einander geraten würden. Aber zu Lebzeiten des alten Freiherrn vermied es Udo, den Bruder zu reizen. Udos Verhalten aber war, seitdem er den Einflüsterungen seiner Gemahlin das Ohr lieh, immer herrischer und finsterer geworden und das Verhältnis der beiden Brüder zu einander immer gespannter.
Heute sollte das von mir längst Vorausgesehene eintreten.
Der Vorfall dieses Abends ist mir, da ich wider Willen Zeuge sein mußte, unvergeßlich geblieben.
Nachdem ich der gnädigen Frau Baronin beim Auskleiden behilflich gewesen war, war ich dabei, die starken Zöpfe aufzumachen, um das Haar zu kämmen und für die Nacht von neuem einzuflechten. Ich hatte gerade die letzte Flechte geöffnet und breitete nun das seidenartige Haar aus, das ihre blendendweißen Schultern wie ein goldener Mantel umfloß. Da hörte ich, wie die Brüder in das anstoßende Zimmer traten. Einen Augenblick verharrte die Frau Baronin unbeweglich, sie schien um einen Entschluß zu kämpfen. Dann stieß sie mir die Hände zurück und sprang zu der hohen Flügeltür, die sie, während die Herren sich Stühle heranzogen, leise öffnete. Mit einer weiteren, unerhörbaren Bewegung glitt sie sodann zu der Lampe vor dem hohen Spiegel auf dem Putztisch und schraubte die Flamme tief herab, damit kein verräterischer Lichtschimmer in das Nebenzimmer falle. Darauf näherte sie sich mir, beugte sich zu meinem Ohre nieder und raunte mir zu, daß ich mich nicht von der Stelle rühren solle. Sie selbst trat an den Türspalt. Ich stand dicht hinter ihr und sah die Herren sitzen. Mir war so unsagbar bang zu Mute, kaum wagte ich, zu atmen, aus Furcht, daß die Atemzüge meine Gegenwart verraten könnten.
Der Freiherr saß am Schreibtisch des Verstorbenen und entnahm diesem eine dicke Ledermappe, die er öffnete und deren einzelne Blätter er aufmerksam prüfte. Die beiden Brüder schauten ihm zu.
Nach einer Weile sagte Herr Udo: