Die Freihoferin saß weit vornübergebeugt zur Seite der Kranken. Ihr welkes Gesicht zeigte deutlich die Spuren der großen Anstrengungen der letzten Wochen. In diesem Augenblick aber sah es erschreckend fahl aus. Von neuem trafen sich die Blicke von Mutter und Kind, das seine Augen ängstlich forschend auf das starre Antlitz der Mutter gerichtet hatte. Aber nur einen Herzschlag lang währte diese Spannung. Dann überflog die Züge des Mädchens ein sonniges Leuchten und sie bat:
»Bitte, gib mir meine Blumen, liebe Mutter.«
Die Freihoferin griff nach dem Stengel, wobei ihre Hand so heftig zitterte, daß sie einige Male an dem Glase vorbeitastete und reichte dem Kinde wortlos die gelben Frühlingszeichen.
Die Kranke lächelte beglückt, drückte die Blumen an die Lippen und bald ließen die regelmäßigen Atemzüge erkennen, daß der Schlaf ihre Sinne umfangen hatte.
Kurz darauf kam Max wieder in die Kammer und setzte sich neben seine Mutter. Die Dämmerung brach herein, die Abendschatten sanken herab, und langsam zog der Mond herauf. Ein zitternder Strahl fiel auf das Bett und umspielte zwei zarte, weiße Hände, in denen eine welke Blume lag.
Bleiern schlichen die Stunden dahin. Endlich verkündete der helle Ton von der Kirche her die Mitternachtstunde.
Keiner der beiden Menschen, die an dem Lager der Schlafenden weilten, unterbrach die hehre Stille, die in dem Raume herrschte. Stumm saßen sie nebeneinander und schauten voll Andacht in das friedliche Engelsantlitz vor ihnen. Dann war der Mond seinen Pfad weiter gewandelt, und undurchdringliche Finsternis erfüllte das Zimmer.
Am Morgenhimmel zogen die ersten lichten Schimmer leise herauf, als Max unter der leichten Berührung von der Hand seiner Mutter aufschreckte.
»Es ist Zeit zu beten, Max,« sagte die Freihoferin mit heiserer Stimme. Darauf knieten sie an dem Bette nieder und sprachen in lautem Gebet einander Mut und Trost zu, während die lichtumflossene Gestalt, die zu Häupten der tiefaufatmenden Sterbenden harrte, die lebensmüde Seele empfing und hinaufgeleitete zu dem Lande der gestillten Sehnsucht und des Friedens.
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