Wie ein Lauffeuer hatte die Kunde von Elisabeths Tode das Dorf durcheilt. Doch setzte noch niemand seinen Fuß auf den Freihof, in der Besorgnis, daß seine Tröstungen in den gewaltigen Schmerz hinein schal klingen möchten. Auf dem Hofe schien alles Leben erstorben, so geräuschlos vollzog sich das notwendige Werk, das verrichtet werden mußte. Max bekam keiner zu sehen, er blieb in der Nähe der Mutter, die, wie er deutlich empfand, furchtbar litt.
So saßen sie beide in der großen Wohnstube kein Wort sprechend, nur die Gegenwart des andern als Trost empfindend.
Da klangen schwere Männertritte draußen im Hausflur. Gleich darauf tat sich die Tür auf, und ein Mann trat auf die Schwelle. Die Freihoferin und Max hatten sich umgewandt und starrten wie auf eine Erscheinung nach der Tür. Der Mann, mit dem hohen, schlanken Wuchse und der leichtgebeugten Haltung, der noch immer auf der Schwelle stand und dessen dunkles Haupthaar und Bart Silberfäden durchzogen, war der Schloßherr vom Weißen Schlosse, der Freiherr Arnold von Tiefenbach. Als er eine Weile unverwandt auf Mutter und Sohn geblickt hatte, zog er die Tür hinter sich zu und trat in das Zimmer. Die Freihoferin, die mit dem Rücken nach ihm saß, hatte sich wieder umgewandt und sah mit hartem Ausdruck vor sich hin. Langsam ging Herr Arnold auf sie zu und blieb dicht vor der Greisin stehen.
Eine kurze Zeit tiefen Schweigens verstrich. Dann sagte der Angekommene in bittendem Tone:
»Wirst Du mir es wehren, Base, wenn mich darnach verlangt, von der Gestorbenen Abschied zu nehmen? Nicht nur Dir ist Dein Kind genommen. Auch an mein Herz hat das Entsetzen gegriffen und ihm eine blutige Wunde geschlagen.«
Der alte, gebeugte Man schwieg, als wenn er auf eine Antwort warte. Dann fuhr er fort:
»Base, höre mich ruhig an, um der teuern Toten willen, die meine Worte unterstützen würde, dürfte sie noch unter uns weilen. Ich stehe als Bittender vor Dir, laß mich nicht unerhört von dieser Schwelle gehen. Denke, ich nähme allen Frieden und alles künftige Glück von diesem Hause mit fort, wenn Du mich abwiesest. Der tiefe Schmerz schlingt um uns ein unzerreißbares Band und bringt unsere Herzen näher aneinander. Und so bitte ich Dich denn, Base, – – gib Frieden! Laß Ruhe einziehen in meine alte Brust und in Dein gequältes, tief erschüttertes Herz. Laß uns nicht richten über die Toten, sie haben ihre Rechenschaft längst abgelegt und vielleicht auch Verzeihung erhalten; gewähre auch Du Verzeihung. Ein Hauch, der nichts mit der Irdischkeit gemeint hat, umweht uns in diesem Augenblick und mahnt eindringlich, jeder Schuld bloß zu sein, wenn die Stimme endlich auch uns ruft. So komm denn, Base, schlag ein. Nimm diese Freundeshand, die Du so lange zurückgestoßen und laß uns Versöhnung feiern an der Leiche Deines Kindes!«
Max saß in einem hohen Lehnstuhl mit Armstützen. Seine Augen hingen an dem schmerzerfüllten Antlitz des Freiherrn, dessen Rede er mit Bewegung angehört hatte. Jetzt sah er voll quälender Erwartung auf seine Mutter. Konnte sie diesen Worten noch Widerstand entgegensetzen, den Worten, die alle Feindschaft in seiner Brust töteten und den heißen Wunsch nach Versöhnung jäh heraufkommen ließen?
Aber die Mutter rührte sich nicht, sondern blickte noch immer unverwandt zu Boden.
Da wurde der alte Freiherr weich.