»Constanze,« flehte er, »auf diesen Armen hab’ ich Dein Kind oft getragen. Es nannte mich Vater und erzählte viele Male mit glänzenden Augen von seiner Mutter, die bei den Menschen als hart gelte und doch ein nach Liebe flehendes Herz besitze. Komm, denke Du könntest mit Deiner Verzeihung Deinem Kinde eine Wohnung inmitten der Seligen errichten. Gib Frieden, Constanze!«
Mit fliegendem Atem sah Max hinüber. Ihm war, als könnte die Mutter nicht eine Sekunde länger zögern. Ihre schwere seelische Erschütterung war offenbar, und die Worte seines Onkels waren in ihrer Wehmut und Sehnsucht nach Schlichtung des alten Familienzerwürfnisses hinreißend.
Aber die Freihoferin blieb stumm und sah mit zusammengekniffenem Munde hartnäckig vor sich nieder.
Da ergriff der Freiherr von neuem das Wort und sprach:
»Du hast Dein Kind unaussprechlich geliebt, ich weiß es; mit allen Fasern hingst Du an seinem schwachen Leben. Denke, es wäre ein geheimer Wunsch Elisabeths gewesen, unsere Familien in Frieden zu wissen. So lange sie lebte, hätte sie niemals eine solche Bitte ausgesprochen, denn die Scheu, der Mutter weh zu tun, würde das Kind daran gehindert haben. Aber wenn der Zeitpunkt gekommen ist, wo der Mensch den irdischen Staub abschüttelt, um die letzte Reise anzutreten, dann darf er das Siegel an seinem Munde zerbrechen. Vielleicht ist die teure Tote noch von dem Wunsch erfüllt gewesen, die Mutter zu bitten, den unseligen Zwist ihr mit ins Grab zu geben und sie besaß nur nicht mehr die Kraft, die Bitte auszusprechen – –«
Maxens Blicke hingen unverwandt an der Mutter. Er bemerkte, wie ihr Körper schwankte, und eine innere Stimme sagte ihm, daß, wenn je, jetzt der Augenblick gekommen sei, wo der Widerstand der Mutter zerbrechen mußte. Er hätte aufspringen mögen, um sich zu den Füßen seiner Mutter niederzuwerfen und ausrufen: »Mutter, sei barmherzig, und gewähre Dir und uns allen Frieden!« Aber das durfte er nicht wagen! Die Wandlung in ihrem Innern mußte von anderen bewirkt werden. Die Bitten des Sohnes hätten ihren Widerstand nur wiederaufrichten und stärken können. Der junge Mann, dessen Pulse hämmerten, mußte an sich halten, damit er dem Freiherrn nicht zurief, daß er seine Bitten wiederholen und Worte finden möge, deren Wärme den Zutritt zu dem schwer zugänglichen Herzen erzwingen müßten. Doch Worte voll Liebe und Weichheit müßten es sein, denn nur diese Eigenschaften waren geeignet seine Mutter zu rühren.
Aber der Mann mit den gramvollen Zügen, der gewiß noch nie so wie jetzt zu einem Weibe gesprochen hatte, besaß keine Kraft mehr zu bitten. Sein Gesicht verfinsterte sich, und die Stimme zitterte leise vor bezwungenem Unmut als er wieder begann:
»Constanze, achtest Du mein graues Haar nicht mehr? Willst du mich wie einen Schulbuben vor Dir demütigen?«
Keine Antwort. Nichts, als eisiges Schweigen. Das Weib saß vornübergesunken und wie leblos im Stuhle.
Max wartete noch mit angstvoller Spannung auf Worte seines Onkels, so wie er sie vorhin gesprochen hatte. Da klang es von dessen Munde schneidend und streng: