»Ich habe geglaubt, Du besäßest für den Kummer anderer Menschen wenigstens einen kleinen Raum in Deinem Herzen. Nun aber weiß ich, daß deine Brust von Stein ist. Ich gebe es auf, künftig noch auf die Verwirklichung meines Lieblingstraumes hinzuwirken. Von Menschen wird Dein Handeln nicht mehr gerichtet werden, aber sieh zu, daß Dir die Worte nicht fehlen, wenn Du einst vor dem Throne des allmächtigen Gottes Dein Tun verteidigen mußt!«

Diese Worte klangen wie Donnerschläge, und Max sah, daß seine Mutter, als der schneidende Klang ertönte, sich aus ihrer zusammengesunkenen Haltung aufrichtete und das Kinn heftig auf den Hals preßte, wie sie es zu tun pflegte, wenn sie dem Schicksal ihren eisernen Willen entgegensetzte. Nun war die Möglichkeit, die Mutter umzustimmen, für immer dahin. So weich wie vor wenigen Sekunden hatte er sie noch nie gesehen.

Jetzt wandte sich der Freiherr von der Greisin ab und trat zu ihm hin.

»Max,« sprach er und war bemüht, den scharfen Ton in seiner Stimme zu mildern, »willst Du nicht wenigstens zu mir halten, auf daß in dieser Stunde eine Brücke aufgerichtet werde, die spätere Tiefenbachs betreten können? Wollen wir Freunde werden?«

Die Blicke des jungen Mannes hatten während dieser Worte auf seiner Mutter geruht und tiefes Mitleid erfüllte ihn, als er daran dachte, welchen Schmerz er ihr zufügen würde, wenn er die dargebotene Hand annahm und wie vereinsamt die Mutter dann im Leben stünde.

Noch sah der Freiherr erwartungsvoll auf den jungen Neffen nieder, bis sich ihre Augen begegneten. Da schlug Max den Blick zu Boden und warf gleichzeitig den Oberkörper mit einer unwilligen Bewegung heftig gegen die Lehne, daß der schwere Stuhl ein Stück zurückfuhr.

Der Freiherr aber wandte sich betrübt um und ging, ohne noch einen einzigen Blick zurückzuwerfen, aus dem Zimmer. Max hörte, wie er seine Schritte nach Elisabeths Kammer lenkte und nach wenigen Minuten durch den hintern Ausgang das Haus verließ.

Eine kurze Zeit saßen Mutter und Sohn ohne zu sprechen, beisammen. Max empfand dieses Schweigen wie eine ungeheure Last und er wäre der Mutter dankbar gewesen, wenn sie in diesem Augenblick ein paar freundliche Worte zu ihm gesprochen hätte, deren er so sehr bedurfte. Statt dessen erhob sich endlich die Mutter und ging mit langsamen Schritten nach der Tür. Max sah es und fühlte einen heftigen Schmerz in der Brust. Plötzlich stockte ihr Fuß, und es schien, als wenn sie zu dem Sohne kommen wolle. Aber nur einen Augenblick hatte dies Zögern gewährt. Dann ging sie entschlossen weiter und ließ Max allein in der Stube zurück.

Da kam das Gefühl einer unerträglichen Vereinsamung über den jungen Mann, und er fühlte sich von der Mutter und allen verlassen. In demselben Augenblick, wo ihm die Kraft schwand, und er seiner Mutter für einen im Leben ohnehin nur selten von ihrer Seite empfangenen Zuspruch die Hände geküßt hätte, ging sie von ihm. Noch nie war ihm so schwer ums Herz gewesen, und gerade jetzt stand er allein.

Der gute Engel des Hauses war dahingegangen! Der unselige Zwist zwischen den nahen Verwandten, der über dem Freihof wie eine drückende, schwarze Wolke hing, in allen seinen Räumen gespenstisch schwebte und in den Herzen seiner Bewohner nur selten rechte Freude hatte aufkommen lassen, dieses Verhängnis, das am Schicksalswege der Tiefenbachs unheildrohend kauerte, sollte aber nicht von ihnen weichen. Den edeln Mann, der sich dem Hause als Freund angeboten, hatte das Schweigen der Mutter für immer vom Freihof gescheucht, und mit ihm war sein Lebensglück dahingegangen! Ja, heraus damit aus dem gequälten Herzen; jetzt durfte er ohne zu erröten gestehen, daß die Gluten der Leidenschaft für Maria von Tiefenbach sein Innerstes aufwühlten und allen Frieden von ihm nahmen. Denn was ihn nur daran verhindert, vor dem herrlichen Mädchen damals in der Kirche, als ihre Seele verzweifelnd ihr tiefstes Geheimnis hinausschrie, niederzuknien und ihr seine innigste Gegenliebe zu gestehen, das wußte er jetzt. Nichts anderes hatte ihm die unbegreifliche Kraft gespendet, seine Leidenschaft im Herzen zu verschließen, als die Liebe und Ehrfurcht zu seiner Mutter. Damals fühlte er noch, mit welch starken Banden, die er unzerreißbar wähnte, er mit seiner Mutter verbunden war. Der wütendsten Anstrengungen, ihn von ihr zu reißen, hätte er mit Hohn gespottet. Jetzt aber, wenige Monate später, war es so ganz anders: der mächtige Anker, der ihn bisher davor schützte, daß die wild auf ihn einstürmenden Wogen sein Lebensschifflein mit sich fortrissen und hinaustrieben auf das Meer des Unfriedens und der Ruhelosigkeit, war geborsten.