Meine inniggeliebte, süße Braut!
Während ich diese Worte niederschreibe, fließt mein warmes Herzblut unter mir dahin, und ich merke, daß es mit mir rasch zu Ende geht. Ich benutze die kurzen Minuten, die ich noch zu leben habe, um Dir, Du Gute, meine letzten Grüße zu sagen. – Als ich nach Leipzig kam, packte auch mich die Begeisterung, die in dieser Stadt herrscht. Ich wandte der schwankenden sächsischen Sache den Rücken und verband mich den schwarzweißen Farben. Heute habe ich unter Blüchers Leitung um das Dorf Großgörschen gekämpft. Nachdem ich schon kleine Verletzungen erlitten hatte, wurde mir zuletzt die linke Schulter und Brust von einem französischen Säbel zerhauen. Ich zürne ihm nicht, nein, ich danke ihm dafür! Es wäre ein freudenloses Leben gewesen –! Mein letzter Herzschlag gehört Dir, Du inniggeliebtes Mädchen. Schon überkommt mich eine unwiderstehliche Müdigkeit; mit dem Gedanken an Dich will ich einschlafen. Habe Dank für Deine Liebe, die mich so glücklich macht, daß ich dem Sterben entgegenlächeln kann. Einen innigen Kuß drücke ich auf die Blumen, die ich Dir sende. Auf baldiges Wiedersehen, mein süßes Lieb, – – über den Sternen!
Dein bis in den Tod getreuer
Bernhard von Friesen.
Elisabeths Gesicht strahlte in überirdischem Glanze. Schneller als sie es im Leben erreicht hätte, sollte sie mit dem Geliebten im Tode vereinigt sein. Ihre Augen suchten das Himmelsblau, in dem vielleicht in diesem Augenblick seine Seele zu den lichten Höhen schwebte. Dann richtete sie die strahlenden Augen auf die Mutter und den Bruder, ergriff die Hände ihrer Lieben und sprach:
»Ach, Mutter, ich hätte nicht gedacht, daß das Sterben so schön sei!«
Just um diese Stunde begann mit schwerem, unhörbarem Flügelschlage der Todesengel über dem Freihof seine Kreise zu ziehen – – –
Max hatte das Zimmer leise wieder verlassen, derweilen Elisabeth mit geschlossenen Augen ruhte. Die dem Briefe beigelegenen, an einem Stengel vereinigten zwei Himmelschlüssel standen in einem Wasserglas neben dem Bett. Da öffnete plötzlich das Mädchen die Augen und tauschte wortlos einen langen Blick mit der Mutter. Dann fühlte diese, wie die heiße, kleine Hand sich auf die ihrige legte und sie sanft an sich zog.
»Mein liebes, herzensgutes Mütterchen,« sagte die Kranke leise, »ich fühle, daß meine Zeit gekommen ist. Aber ich muß, bevor ich von Dir scheide, Dir ein Geheimnis anvertrauen, das mich tief traurig gemacht hat, das mich aber zuweilen auch im innersten Herzen mit seliger Lust erfüllte: Maria von Tiefenbach, meine Cousine, und Max lieben einander.«
Und mühsam erzählte Elisabeth den Vorfall in der Kirche und schloß:
»Als zuletzt Maria in ihrer tiefen Not die Worte ausrief, daß Max ihre Liebe besitze, blieb mein Bruder anfangs stumm, dann wurde er rauh zu ihr. Aber ich habe es dennoch gefühlt, daß seine Hand, die in der meinen lag, zitterte, wie die eines geängstigten Kindes. Ach, Mutter, wenn die beiden glücklich werden könnten – –«