Aus den Wohnungen der Menschen drang kein Laut. Sorge und Kummer hatten ihre Macht über sie verloren und manchmal lächelte wohl einer der Schläfer, weil ihm der gütige Traumgott freundliche Bilder vor die Seele gezaubert hatte.
Frieden ringsum!
Alle Gegenstände waren von dem silbernen Licht des Mondes umflossen. Ein wunderbares Schweigen lag auf dem friedlichen Dorfe, in das hinein der Brunnen seine alten, dumpfen Lieder sang. Und über der schlafenden Erde zogen die Gestirne lautlos ihre unveränderlichen, ewigen Bahnen.
***
Vom Schloßberg kam eine schlanke Gestalt herab, die um Kopf und Schultern ein leichtes Tuch gelegt hatte. Ohne zu zögern, lief sie über die blumigen Wiesen an den blühenden Haselnußbüschen vorbei, bis sie endlich an dem schmalen Stege angekommen war, der über den Bach in den Obstgarten des Freihofes führte. Dort blieb sie stehen und lehnte sich an einen Baum, neben der schwachen Brücke. Das Weib tat ein paar tiefe Atemzüge, schob das Tuch vom Kopf zurück, daß es auf den Nacken herunterfiel und strich mit ihrer Hand über die Stirn. Der Mond schien der Einsamen voll ins Gesicht: es war Maria von Tiefenbach.
Ihre Augen flogen verlangend hinüber über das leise murmelnde Wasser. Dann schaute sie wieder zurück nach dem Weg, den sie gekommen war und nach dem Schloß, dessen letzter Turm hoch hinaufragte zu dem leuchtenden Firmament.
Maria hüllte den Kopf wieder ein und schritt dann vorsichtig über den Steg, den sie zum ersten Mal in ihrem Leben betrat.
Kaum aber stand sie unter dem nächsten Baum auf dem jenseitigen Ufer, als aus dem Schatten des Wohnhauses mit mächtigen Sprüngen Sultan der Hofhund auf sie zustürzte. Winselnd sprang das treue Tier an dem Mädchen hinauf, warf sich vor ihr nieder, wälzte sich im Grase und wiederholte dann seine ausgelassenen Sprünge. Mit wehmütigem Lächeln kniete Maria ins Gras, streckte die Hand aus, griff in das zottige Fell des Hundes und zog ihn liebkosend an sich heran, wie sie es so oft getan, wenn Elisabeth ihn mit aufs Schloß gebracht hatte.
»Du Armer,« sagte sie leise. »Nicht nur den Menschen, auch Dir fehlt die Tote. Jetzt ist auf dem Hofe wohl keine Hand mehr bereit, Dich zu streicheln. Ja,« setzte das Mädchen seufzend hinzu, »es weiß noch keiner richtig, wie viel er verloren hat!«
Dann klopfte sie dem Tier noch einmal den Rücken und ging nach der hintern Tür des Hauses.