Die örtlichen Verhältnisse des Freihofes waren Maria so bekannt, als ob sie von Jugend auf hier gewohnt hätte. Hatte sie den Fuß auch noch nie an diesen Ort gesetzt, so kannte sie doch die Einrichtung des Hofes aus den tausend kleinen Erzählungen Elisabeths ganz genau, und von dem Vater wußte das Mädchen, daß man die Tote in ihrer Kammer aufgebahrt hatte. Maria legte die Hand auf den eisernen Drücker und öffnete behutsam die Tür, die ohne das geringste Geräusch unter ihrem Drucke wich.

Eine undurchdringliche Finsternis gähnte ihr entgegen. Durch die offene Tür warf aber der Mond sein milchweißes Licht und beleuchtete ein großes Stück Wand nahe dem Eingang. Die Aeste und Blätter der Bäume des Obstgartens zeichneten sich auf der beschienenen Fläche ab, und wenn der milde Luftzug die Bäume bewegte, huschten die verworrenen Figuren durcheinander und wichen vor dem Mädchen zurück, um sich ihm alsbald wieder zu nähern. Wie eine Unzahl schattenhafter Wesen, die ihr Spiel mit ihr trieben und versuchten, sie hineinzuziehen, um sie im nächsten Augenblick wieder über die Schwelle zurückzudrängen.

Da überfiel das tapfere Mädchen eine große Bangigkeit. Und mit einem Male überkam sie die Bedeutung für den Schritt, den sie zu tun beabsichtigte. Aber nur eine einzige Sekunde währte dieser Schwächeanfall. Dann richtete Maria sich auf, machte gegen die gespenstischen Bilder eine unwillige Bewegung mit der Hand und betrat vorsichtig den dunkeln Hausflur. Unhörbar lief sie auf den Zehenspitzen weiter.

Als sie bei der ersten Tür vorbeischritt, sagte sie leise: »Das ist die Wäschekammer.« Bei der zweiten Tür flüsterte sie: »Hier schläft die Beschließerin.« Vor der nächsten Tür blieb Maria aufatmend stehen. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen bei der Erwägung, ob es ihr vergönnt sein würde, von der toten Freundin Abschied zu nehmen, oder ob sie, nur durch ein dünnes Brett von ihr getrennt, wieder umkehren müsse.

Bebend tastete Maria nach der Klinke und gewahrte zu ihrer unsäglichen Freude, daß die Tür nicht verschlossen war. Geräuschlos öffnete sie und glitt in das Zimmer, aus dem ihr ein betäubender Blumenduft entgegenschlug. Dichte Dunkelheit umfing sie.

Allmählich gewöhnte sich ihr Auge an die Finsternis, die ihr, nach der großen Helligkeit im Freien, anfangs pechschwarz erschienen war. Sie bemerkte, daß in dem obern Teil der beiden geschlossenen Fensterladen zwei kleine Löcher in Form von Herzen eingeschnitten waren, durch die einzelne Mondstrahlen hereinfielen und das Zimmer notdürftig erhellten.

In der Mitte des kleinen Raumes stand auf einer mit schwarzem Tuch umkleideten Bahre der offene Sarg, um den herum eine große Menge von Blumen und Kränzen aufgehäuft war, daß er fast unter ihnen verschwand. Zu Häupten breitete eine hohe Fächerpalme an weitragenden Stengeln ihre umfangreichen Blätter aus. Neben ihr standen zahlreiche hochstämmige, blühende Gewächse, so daß der obere Teil des Sarges von einem Blütenhain umgeben war.

Das Herz brechend schwer, trat Maria zur Linken der Toten an den Sarg heran. Ihre Augen durchbohrten mit Anstrengung die dichte Finsternis und blieben auf dem Antlitz ruhen, dessen Züge, je länger sie darauf schaute, immer deutlicher hervortraten, bis sie zuletzt das alte, liebe Gesicht der verstorbenen Freundin genau erkannte. Wie ein schlafendes Kind ruhte Elisabeth auf den weißen Polstern, bekleidet mit einem dunkelblauen, mit weißen Kanten besetzten Musselinkleid, das das Mädchen oftmals getragen, wenn sie wie ein Irrwisch durch die Scheunen und Ställe des Freihofes flog und das die kindliche Lieblichkeit der Jungfrau erhöht hatte.

Der Tod hatte auf dem Gesicht keine verheerenden Spuren hinterlassen. Er war ihr ein willkommener Erlöser gewesen, dem sie mit frohem Lächeln entgegengesehen hatte. Ein beglückender Gedanke mußte sie im Augenblick des Scheidens der Seele bewegt haben, von dem ein milder Abglanz auf dem Gesicht zurückgeblieben war. Heiter, wie sie im Leben gewesen, war sie hinübergeschlummert. Und neben dem Ausdruck unstillbarer, freudiger Sehnsucht lagerte ein verklärender Hauch von Frieden auf dem schmalen Kindergesicht.

Maria sah erschüttert auf die Tote, die ihr im Leben Freundin und Schwester zugleich gewesen war. Nie konnte ein reineres und treueres Herz jemals wieder in Liebe so für sie schlagen, wie das der Toten, das nun stillstand. Elisabeths sonnige Lebensauffassung, die sich in einer nie versiegenden Fröhlichkeit kundtat, hatte sie, die Ernste, Sinnende, oft erheitert, wenn ihr Gemüt von düsteren Wolken umlagert gewesen war. Und die tiefe Liebe und Anhänglichkeit, die die Freundin ihr entgegengebracht, hatte sie immer als ein Gnadengeschenk betrachtet, für das sie dem Himmel nicht genug danken konnte. Nun war es vorbei mit diesem Glück! Der Augenblick war gekommen, dessen Herannahen sie schon seit geraumer Zeit mit wachsender Angst bemerkt und vor dem sie gezittert hatte.