Maria ließ den Kopf sinken, und ein Gedanke stieg in diesem Augenblick in ihrer Seele auf, den niederzukämpfen sie sich vergeblich bemühte und der sich ihr mit solcher Heftigkeit aufdrängte, daß sie schließlich mit glutroten Wangen davon abstand, ihn länger zu meistern: noch immer hatte sich in ihrem Herzen die geheime Hoffnung behauptet, daß eine so reiche Liebe, wie sie für ihren Vetter empfand, endlich doch über alle Mühsale triumphieren müsse, und die Stütze ihrer Zuversicht war Elisabeth gewesen. Darüber freilich, wie das Kind mit seiner schwachen Kraft und seinem gänzlich mangelnden Einfluß auf die Entschließungen seiner Mutter sie aus der Wirrnis hinausführen sollte, hatte sie nie nachgedacht. Sie selbst schalt sich in ruhigen Stunden töricht ob ihrer Hoffnung, daß in dem Herzen der unerbittlichen Tante jemals eine Wandlung vor sich gehen könne. Und die scharfe und kalte Absage, die ihr Max in demselben Augenblick erteilte, in dem die tötliche Angst, ihn auf immer zu verlieren, den leidenschaftlichen Ausbruch bei ihr bewirkte, hatte sie belehrt, daß sie die Stimme in ihrem Busen verstummen lassen müsse.
Alles das hatte sich Maria ja schon oft gesagt, und doch wollte die Stimme nicht schweigen, sehnte und hoffte ihr gequältes Herz in Bangigkeit weiter. Jetzt begriff sie mit einem Male, daß, solange Elisabeth gelebt, sie auch hatte weiterhoffen dürfen, denn die Freundschaft Elisabeths war das unsichtbare Band gewesen, das sie mit dem Freihof verknüpft hatte. Jetzt aber versagte dem beredten Mund in ihrem Innern die Sprache, und eine zermalmende Hoffnungslosigkeit überkam sie. Max von Tiefenbach war von jetzt ab für sie unabänderlich verloren!
Und langsam zogen die geheimsten Gedanken des Mädchens an seiner Seele vorüber. Sie sah sich zärtlich an den Geliebten geschmiegt, ihre Stirn war an seine Brust gelehnt. Innig hielt er sie umfangen, und mit unsagbar beglückenden Worten hatte er ihr seine Liebe gestanden und dann ihren Kopf aufgehoben und ihre Lippen und Augen geküßt. Niemand in der weiten Umgebung besaß eine so hohe Gestalt, daß er neben Maria von Tiefenbach sich hätte behaupten können, nur er; und keinen anderen Mann würde Marias stolzer Sinn jemals den Besitz ihres herrlichen Körpers, wie die Natur ihr ihn gütig verliehen hatte, einräumen. Die heiligen Flammen keuscher Mädchenliebe durchloderten ihren Busen im Wachen wie im Schlummer, – mit der treuen Freundin aber zugleich begrub man auch ihre Liebe. – – –
Maria von Tiefenbach vergaß in diesem Augenblick ganz den Ort, an dem sie weilte. Sie kniete neben der Bahre nieder, neigte den Kopf darauf und weinte zum Herzbrechen. Und so verharrte sie lange Zeit, während die Tränen reichlich flossen und der wilde Sturm in ihrem Innern an Heftigkeit langsam nachließ.
Da überkam sie plötzlich der Gedanke, wie unsagbar schwer vor allem Elisabeths Mutter unter dem Verlust leiden müsse. Und wie der edle Mensch dann wenn er des Nächsten gewaltigen Schmerz sieht, den eignen Schmerz unter seinem Mitleid für eine Weile vergißt, empfand auch Maria tiefes Mitgefühl für die unglückliche Mutter. Ihre Tränen versiegten, und indem sie sich aufrichtete, die gefalteten Hände erhob und an die Lippen preßte, betete sie mit bebender Stimme:
»Du Allgütiger, Tröster und Erbarmer! Erbarme Dich auch der Mutter dieses Kindes, spende ihr reichen Trost in diesem schweren Herzeleid und laß sie Ruhe und Frieden finden!«
Langsam sanken die Hände herab, und Maria fühlte ihre seelische Kraft wieder erstarken. Mit der Tröstung, die sie auf das Weib herabgefleht, das sich ihr so unversöhnlich feindselig gegenüberstellte und zweifellos die Schuld trug, daß ihr zartes Liebesglück in der Knospe vernichtet wurde, war auch in ihre Brust Trost eingezogen. Der herbe Schmerz hatte sich gemildert und war vor dem Mitleid keusch zurückgewichen.
Ihre Gedanken aber wollten sich nicht von der Freihoferin abwenden. Immer deutlicher stieg das Bild dieser schwergeprüften Mutter in ihrer Seele herauf, daß sie meinte, sie vor sich zu sehen. Maria sah im Geiste ein Paar runzliger Wangen, einen zusammengekniffenen Mund und fühlte fast den langen Blick aus den tiefliegenden Augen. Sie hatte die Freihoferin immer nur von fern gesehen, jetzt aber gewahrte sie zu ihrem Erstaunen, wie tief das Bild der Greisin in ihrer Seele eingegraben war. Die hohe Stirn wurde von grauem Haar begrenzt, das, in der Mitte geteilt, in dünnen Strähnen zu den Ohren herablief. Neben dem herben Ausdruck lagerte auf dem Gesicht gewaltiger Schmerz.
Maria empfand, wie ihre Einbildungskraft aufs höchste erregt war. Sie fuhr mit der Hand über die Augen um das Trugbild zu verscheuchen. Aber die Erscheinung wollte nicht weichen, denn noch immer sah sie zwischen Blüten und Blättern das fahle Gesicht Elisabeths Mutter.
Ihre Augen schmerzten schon, doch konnte sie nicht wegschauen. Den Atem zurückhaltend, versuchte sie erneut mit den Augen die Dunkelheit zu durchdringen, während Schweißperlen auf ihre Stirn traten. Da, – hatte sich das Bild nicht soeben bewegt? Nein, es war nicht möglich, die hohe Aufregung und der Ort hatten ihre Sinne überreizt. »Großer Gott – – –!« schrie das Mädchen plötzlich auf. Dann erstarben ihr die Worte auf der Zunge, und sie duckte sich nieder wie in der Erwartung eines heftigen Schlages. Denn in diesem Augenblick waren die tödlichen Zweifel geschwunden, – sie wußte sich der Freihoferin gegenüber.