Noch einige Sekunden hingen diese vier Augen aneinander, dann schwankten drüben Blätter und Zweige, bogen sich zurück und schlugen, während das Gesicht verschwand, wieder zusammen. Geräuschlos rückte ein Stuhl, und die Freihoferin trat aus der Hecke von Blumen und Gewächsen hervor. Sie zündete die Kerzen eines auf dem Tische stehenden, schweren, dreiarmigen Silberleuchters an, wandte sich zur Tür und deutete mit einer schroffen Bewegung, als wolle sie die Grabesstille des Raumes nicht unterbrechen, dem noch immer mit den Zeichen des Schreckens in hilfloser Haltung knieenden Mädchens stumm an, ihr zu folgen.
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Max saß im dunkeln Wohnzimmer wieder wie gestern beim Erscheinen des Freiherrn in dem mächtigen Armstuhl, dessen hohe, mit gepunztem Leder überzogene Lehne noch ein Stück über seinen Kopf hinausragte. In dieser Nacht würde er den Schlaf nicht finden, deshalb suchte er das Lager nicht erst auf.
In seiner Seele lag eine Welt in Trümmern, und der Himmel, der sich über ihm wölbte, war bleifarben und hing tief herab. In den letzten Tagen war er um Jahre älter geworden. Das Schicksal hatte ihm einen empfindlichen Schlag versetzt. Seinen Nacken zu beugen, war es freilich nicht im stande gewesen, aber seinen unbändigen Trotz, mit dem er die entstellte Fratze, die, wohin er auch immer ging, vor seinen Augen stand, auflachend verscheuchen wollte, hatte er noch nicht wiedergefunden. Aber gemach! Er wußte, daß er die beschämende Schwäche in wenigen Tagen würde niedergerungen haben, denn die Tiefenbachs hatten zu allen Zeiten Stiernacken besessen.
Da hörte er Tritte im Hausgang, die in die tiefe Stille hineinklangen. Die Mutter wußte er am Sarg der Toten, die sie in der letzten Nacht nicht verlassen würde. Er erkannte ihren Schritt, der schleppend näherkam. Aber, horch, was war das? War das nicht der Schall der Tritte zweier Menschen? Unwillkürlich richtete er sich auf und lauschte. Da öffnete sich schon die Tür, und heller Kerzenschein drang in das Zimmer.
Schwerfällig trat die Greisin ein und stellte den Leuchter auf den großen, runden Tisch. Max aber achtete nicht der wankenden Mutter, seine Augen waren voll Ueberraschung auf die Tür gerichtet, in der soeben eine fremde Frauengestalt erschienen war. Eine Sekunde starrte er atemlos auf die im Halbdunkel stehende Erscheinung auf der Schwelle, deren Gesicht er nicht zu erkennen vermochte. Da griff plötzlich eine kalte Hand nach seinem Herzen und preßte es heftig – er hatte die Fremde erkannt.
Schon wollte ihn die Überraschung ganz gefangen nehmen, da erhob sich in seinem Innern ein Sturm, und seine Sinne arbeiteten fieberhaft an der Deutung dieses Rätsels. Wie ein Blitz fiel die Erleuchtung in seine Seele: Maria von Tiefenbach hat sich in das Haus gestohlen, um von ihrer gestorbenen Freundin Abschied zu nehmen. Die am Totenbett weilende Mutter will in ihrem Haß die edeln Gefühle des Mädchens nicht gelten lassen und bringt es hierher, damit sie in seiner Gegenwart Marias Teilnahme schroff zurückweise, um durch verletzende Worte dem sie beunruhigenden Herannahen der Schloßleute für immer zu begegnen.
Da schlug die heiße Flamme des Unwillens in Maxens Herzen über seine Mutter jäh auf. Er raste wie im Fieber und erhob sich halb vom Stuhl, um bei ihren ersten verletzenden Worten aufzuspringen. Noch verließ ihn die Besinnung nicht, noch war er sich bewußt, daß er sich vor seiner Mutter befand, die er von Kindesbeinen an so verehrt und geliebt hatte, wie ein Sohn seine Mutter nur lieben kann und die er noch bis gestern für unfehlbar gehalten hatte. Auf sein Lebensglück um ihretwillen verzichten und es zersplittern zu lassen, das vermochte er zu ertragen. Die aber verletzen, deren Bild er fortan unauslöschbar im Herzen tragen würde, obwohl sie die Enkelin jenes Mannes war, der seine Großmutter beschimpfte, diesem hochherzigen Mädchen wehzutun, nein, beim ewigen Himmel, das durfte sie nicht! Mochte die Scholle erbeben, auf der ihm die Mutter das Leben gegeben, wenn er sich jetzt gegen sie wandte, mochte das Dach des väterlichen Hauses niederstürzend ihn begraben und die Menschen einst mit Entsetzen im weiten Bogen das Grab meiden, das die Unnatur barg, die gegen den Schoß raste, der sie gebar. Er würde trotzen! Zusehen aber, und müßig dabei bleiben, wenn Maria von Tiefenbach von der Mutter gedemütigt wurde, das konnte er nicht! Alle Sinne aufs äußerste angespannt, starrte Max auf seine Mutter.
Das Mädchen war in der Tür in vornübergeneigter Haltung stehen geblieben, während die Freihoferin an das nach dem Garten hinausgehende Fenster getreten war und sich müde zurücklehnte. Kein Laut kündigte an, daß sich in diesem Zimmer drei Menschen befanden, deren Herzen zum Zerspringen schlugen.
Ein paar Sekunden atemraubender Stille verstrichen, dann machte die Freihoferin eine Bewegung, als wenn sie die letzte Kraft zusammenraffe und begann zu sprechen. Ihre Stimme klang nicht so voll wie sonst, aber ruhig und eisig: