»Baronesse! Um des traurigen Ereignisses willen, das zu ertragen uns eine höhere Fügung auferlegt hat, kann ich Ihnen nicht zürnen, wenn Sie Ihren Fuß über die Schwelle dieses Hauses setzten, das Ihnen sonst verschlossen bleiben muß. Sie haben sie gekannt, meine – verstorbene Tochter – –«

Bei den letzten Worten war die Stimme rauh geworden und brach plötzlich ab. Der Körper der Sprechenden war wieder gegen das Fenster zurückgesunken, ihre Augenlider waren halb herabgefallen. Sie versuchte und versuchte wieder weiterzusprechen, – umsonst. Ein heftiges Zittern überlief die hohe Gestalt der Greisin, und der zum Sprechen geöffnete Mund schloß sich und blieb stumm.

O, ihr rätselvollen, unergründlichen Tiefen des Frauenherzens!

Eine kurze Weile tödlichen Schweigens verstrich, währenddessen ein erbitterter Kampf, der Abschluß einer siebzigjährigen, unaufhörlich genährten Feindschaft, blitzschnell entschieden wurde. Und dann klang es, demütig bittend, von den zuckenden Lippen der Tochter des beschimpften Weibes:

»Maria, willst Du mir eine liebende Tochter, meinem Sohn eine treue Gattin sein?«

Wenn die Natur sich in wildem Aufruhr befindet, und die sonst friedlich schlummernden Elemente entfesselt sind, wenn von dem dräuenden Himmel Wolkenbäche herniederstürzen, in den zusammengeballten, schwarzen Luftgebilden Blitze mit rasender Aufeinanderfolge aufzucken, denen das Krachen der Donner hinterhergrollt und der Orkan heulend durch die Gassen peitscht, dann ereignet es sich zuweilen, daß einem letzten, den Himmel in zwei unermeßliche Hälften zerreißenden Aufleuchten und einem gräßlichen Donnerschlage tiefe Ruhe folgt.

Also geschah es in der großen Wohnstube mit dem schweren, altväterischen Hausrat auf dem Freihofe. Der ungeheure Sturm war wie durch einen Zauberspruch gebändigt, und tiefe Stille war ihm gefolgt. Während die Greisin bis an die Wand am Fenster zurückgesunken war, war das Mädchen von der Tür aus mit ein paar heftigen Schritten zu dem Tisch geeilt und starrte, mit beiden Armen sich schwer aufstützend, unverwandt auf das Weib am Fenster.

Max, der zum Aufspringen bereit gesessen hatte, war in den Stuhl hineingesunken, daß der große Körper in dem schwerfälligen Möbel aussah wie der eines Kindes. Er war nicht im stande klar zu denken; hundert Begriffe drangen von allen Seiten und zu gleicher Zeit auf ihn ein, jagten wie das wilde Heer in sinnverwirrender Geschwindigkeit an seinem geistigen Auge vorüber und tanzten dann in tollem Wirbel um ihn herum, bis sie ihn endlich in eine ungeheure Tiefe mit hinabrissen. Das Vermögen, zu beurteilen wo er sich befand, verließ ihn, und die Erinnerung an das soeben Erlebte verblich. Ein Zustand höchster geistiger Abspannung nach all den wilden Stürmen in den letzten Tagen war über ihn gekommen, der so gewaltig war, daß selbst Max von Tiefenbachs Kraft ihm nicht widerstehen konnte. Wie wenn ein schwer getroffener Stier röchelnd zusammenbricht, wenn der Wirbelsturm in einem einzigen Augenblick einen mannsdicken Eichbaum knickt, daß er krachend zu Boden stürzt, so hilflos brach Maxens Widerstand zusammen. Seine Blicke irrten im Zimmer umher, glitten verständnislos von einem zum andern, ohne den beklommenen Eindruck der Seele zu vermitteln. Sein Hirn war wie ausgeblasen. Er hatte das verschwommene Empfinden, als wenn sich etwas Ungeheuerliches zugetragen hätte und bemühte sich mit aller Kraft, seine Sinne wieder in die Gewalt zu bekommen. Vergebens, die Seele sagte ihm in diesem Augenblick den Gehorsam auf und ließ ihm nur das Erkennen seiner Ohnmacht.

Mit riesengroßer Willenskraft riß er das Wenige, das ihm geblieben, an sich und war bemüht, wie ein Kind das Nächstliegende zu überdenken. Dies war seine Hand; worauf sie lag, die Armlehne eines Stuhles, das ein Knopf seines Rockes. Dann versuchte er darüber nachzuforschen, was sich hier zugetragen hatte. Er strengte seinen Geist mit übermenschlicher Kraft an, daß er einen heftig bohrenden Schmerz im Gehirn empfand, der ihm den Schädel zersprengen wollte. Worte waren gesprochen worden. Von wem, worüber? Vergebens versuchte er gegen die Schwäche anzukämpfen, die wie ein granitner Felsen vor ihm lagerte, an dem sein Willen zersplitterte wie ein Knabensäbel.

Plötzlich horchte er auf. Vom Fenster her drangen schwach Worte an sein Ohr: