»Aber warum küßt Ihr Euch nicht, meine Kinder?«
Wer war das, der da so sprach? Wer hatte das gesprochen? War das nicht die Stimme der Mutter? Seiner Mutter? Nein! vom Küssen ging die Rede, und seine Mutter sprach nie vom Küssen! Aber vorhin war die Mutter doch in der Stube gewesen und hatte gesprochen. Und wie sie geendet, hatte es sich wie eine schwarze Binde auf seine Augen gelegt, und der Kopf hatte ihm geschmerzt wie infolge eines heftigen Sturzes. War nicht noch jemand hier gewesen? Ja, die Mutter war mit dem brennenden Leuchter eingetreten und hinter ihr hatte er in dem ungewissen Halbdunkel noch einen Menschen gesehen, – ein Weib. Wer aber war dieses Weib?
Und abermals versuchte Max mit aller Kraft seine Gedanken zu zwingen, ihm wieder dienstbar zu sein.
Da tönte wiederum die Stimme von vorhin, und jetzt erkannte er sie untrüglich als die seiner Mutter. Aber weich klang sie, wie der Sohn sie noch nie gehört hatte:
»Als ich jung war, küßte man sich in solchen Augenblicken!«
Und wie das Sonnenlicht durch dunkles Gewölk bricht, ebenso siegreich stieg bei diesen Worten die Erinnerung an das in den letzten Minuten Vorgefallene in Max herauf.
Blitzschnell und mit bewunderungswürdiger Schärfe arbeitete jetzt Maxens Hirn und gab ihm die Deutung dessen, was ihm soeben noch als Rätsel erschienen war.
Er knüpfte wieder dort an, wo ihn vorhin das klare Denkvermögen verlassen hatte: Maria war unbemerkt in das Haus gekommen, um an Elisabeths Sarge noch einmal zu beten, und von dort hatte die Mutter das Mädchen mit hierhergebracht.
Max kämpfte mit der Erschütterung, die der überraschende Wandel der Gesinnung seiner Mutter auf ihn ausgeübt hatte. Aber er kannte seine Mutter nur zu gut, daß ihm jetzt die Beweggründe für ihr Tun nicht bis zur Ueberzeugung hätten verständlich sein müssen: der erzene Panzer um ihr Herz war zersprungen. Sie war entschlossen, die Schuld für die Nichteinlösung des ihrem sterbenden Vater gegebenen Wortes auf sich zu nehmen und über den Haß, den sie seither im Busen wachgehalten und genährt, triumphierte die Liebe. Eingedenk des Versprechens und mit dem halsstarrigen Trotze, der ein geistiges Familiengut der Tiefenbachs war, und den die bäuerliche Linie noch weit stärker besaß als die auf dem Schlosse, hatte sie sich den Haß gegen die Verwandten zu einem Stück ihrer Lebensaufgabe gemacht. Und, ach, wie seltsam! Wie doch die Leidenschaften, die sich fliehen müßten, dicht beieinander wohnen; denn mit der Stärke zu hassen, hatte die Vorsehung diesem Weibe auch das unstillbare Verlangen Liebe zu geben und zu empfangen in die Seele gepflanzt. Wie oft mußte ihr das Hassen schwer geworden sein, wenn sie sah, wie das Kind, an dessen Besitz ihr Herz mit allen Fasern geknüpft war, ein Stück seiner Liebe den Gehaßten schenkte.
Es war Max offenbar, daß die Liebe eines Kindes seiner Mutter nicht genug war. Wem unter einem rauhen Aeußern ein von Liebe so überquellendes Herz schlägt, der darf sich füglich darnach sehnen, mit mehr als einem Teuern auf das Innigste verbunden zu sein. Deshalb bat sie jetzt das Mädchen, an dem die Verstorbene mit ganzer Seele gehangen, die leergewordene Stelle in ihrem Herzen einzunehmen und die Liebe, die sie für die Tochter empfunden hatte, fortan ihr, der Mutter zu schenken. – Oder sollte seine Zuneigung zu Maria auf die Mutter eingewirkt haben? Nein, das war es nicht, denn seine Liebe war ja sein tiefes Geheimnis gewesen, von dem die Mutter nichts hatte ahnen können – –