Das Glück, das in dem Augenblick, wo Max verzweifelnd alles verloren wähnte, ihm zuteil ward, war so riesengroß, daß ihm schwindelte und er unwillkürlich die Hand auf die Augen legte. Da hörte er einen fliegenden Atem an seiner Seite, so nahe, daß der warme Hauch seine Stirn streifte. Und wie er aufschaute, blickte er in das von Angst entstellte Gesicht seiner Mutter, die ihn mit weitaufgerissenen Augen flehend ansah. Es war die brustzuschnürende tödliche Angst, daß in dem Augenblick, in dem der Himmel ihr Herz weich werden ließ und sie geglaubt hatte, das Leben der von der Toten geliebten Freundin an sich ketten zu können, diese Hoffnung in Scherben gehe. Denn sie hatte gewähnt, Max liebe Maria, – und nun – –?
Und zum drittenmale hörte der regungslos im Stuhle Sitzende die Stimme. Diesmal klang sie gepreßt und die Worte waren abgerissen:
»Max, Dein Vater küßte mich, als wir uns verlobten!«
Da überfiel den Sohn ein unendliches Mitgefühl und er griff mit beiden Händen nach seiner Mutter, um sie an sich zu ziehen. Die aber wich zurück und wandte den Blick nach der Gestalt am Tische in der Mitte des Zimmers.
Max folgte ihrem Blick und gewahrte das in all seinem überwältigenden, mit Schmerz und Überraschung vermischtem Glück von ihm vergessene Mädchen, das, die Augen zu Boden geschlagen, dem Umsinken nahe vor ihm stand. Eine Sekunde lang herrschte noch Schweigen in der Stube. Nur der Holzwurm tickte in dem hohen Eichengetäfel an den Wänden, und die flackernden Flammen der Kerzen warfen wunderlich geformte Schatten darauf, die geisterhaft hin- und herhuschten. Dann wurde die Stille plötzlich unterbrochen. Max erhob sich lärmend aus dem Stuhl, ging mit den polternden Schritten eines Trunkenen zum Tisch und schlug die Arme um die Schultern des bebenden Mädchens.
Einen langen Blick warf die Freihoferin noch auf die beiden Menschen, – dann verließ sie geräuschlos das Zimmer – –
Freut Euch, Ihr guten Geister, die Ihr auf dem Freihof und auf dem Weißen Schlosse allnächtlich Euer Wesen treibt! Kommt hervor aus den dunkeln Winkeln und Ecken, steigt herab von den Dachbalken und tretet heraus aus den Verstecken, in denen Ihr Euch am Tage verborgen haltet. Lärmt heut ausgelassener denn je und treibt Euern närrischen Spuk in dieser Nacht lustiger wie zuvor. Die gute Tote würde es Euch danken, wenn Ihr so tätet, und läge sie nicht in ihrem hölzernen Schrein, dann käme sie heute gewiß zu Euch, um im lustigen Spiel mit herumzutollen.
Und in dem großen Saale auf dem Weißen Schlosse, durch dessen hohe Bogenfenster das Mondlicht glänzte, regten sich mit einem Male die Bilder in ihren goldenen Rahmen. Die alten Herren des Tiefenbachschen Geschlechts in blitzenden Rüstungen, mit Arm- und Beinschienen, den eisernen Helm mit hochgeschlagenem Visier auf dem Haupt und zur Seite den klirrenden Pallasch, oder in sammeten Wämsern mit geschlitzten und rot ausgefütterten Ärmeln, mit steifem, breitem Halskragen und eckigem Barett angetan, oder mit goldstrotzenden Staatsgewändern bekleidet, dazu den federgeschmückten Hut und an der Seite den leichten Degen, – die Damen in geschürzten und bauschigen Gewändern von bunter Seide und mit Courschleppen versehen, etliche mit dem Reifrock, geschmückt mit schweren, goldenen Ketten, die gepuderten Gesichter mit dem roten Tupf auf den Wangen unter der hochtoupierten Coiffure in wunderlichsten Formen, oder eingerahmt von der Dormeuse, – sie alle bekamen Leben und stiegen herab auf das spiegelblanke Parkett.
Die Herren machten tiefe Verbeugungen zur Begrüßung, die die alten Damen mit gnädigem Kopfneigen, die jungen aber mit holdem Erröten und zierlichem Knixe erwiderten, worauf sie einander in fröhlicher Erregung stumm die Hände schüttelten. Alle aber trugen einen freudigen Zug auf den sonst so starren Gesichtern.
Auf den Gängen und Treppen des Wohnhauses im Freihofe aber begann ein Summen und Zischeln, ein Wispern und Flüstern; es trippelte und huschte treppauf, treppab, und des Kicherns und Ausgelassenseins war kein Ende. Die Kecksten der Hausgeisterchen eilten auf den Zehenspitzen zu der Tür der Wohnstube. Einer kletterte auf die Schultern eines andern und guckte voll Eifer durch das Schlüsselloch. Und wie er den Neugierigen herunterrief was er sah, hob das kaum verstummte Kichern von neuem an. Sie klatschten in übermütiger Laune in die Hände, und die Ausgelassensten schossen Purzelbäume.