Auf dem mit rosigen Blüten übersäten Apfelbaume dicht unter den Fenstern der Wohnstube jauchzte und schluchzte eine Nachtigall – – –
Und während die beiden Liebenden einander fest umschlungen hielten und sich unter Tränen und glückseligem Lächeln die süßesten Schmeichelworte zuflüsterten, saß eine alte, verhärmte Mutter zusammengesunken am Totenlager ihres Lieblingskindes, die wildhämmernde Stirn auf die harte Kante des Sarges gepreßt, die brennenden Augen weit geöffnet, – tränenlos. Und sie stammelte mit erstickter Stimme:
»Hab ich’s so recht gemacht, – mein Sonnenschein?«
15. Kapitel.
An dem politischen Himmel waren von neuem schwere Gewitterwolken heraufgezogen. Wie ein donnernder Orkan, der alles vor sich niederwirft, waren die Wirkungen der kriegerischen Ereignisse des letzten Jahres über Deutschland gekommen, und nun türmten sich schon wieder neue Ungewitter auf.
Das große Kriegstheater, auf dem sich jüngst so manches blutige Schauspiel abgespielt hatte, zitterte in seinen Grundfesten, und wie vor zwei Jahren machten die Völker gewaltige Anstrengungen, um sich zu dem ungeheuern Kampfe zu rüsten. Eine dumpfe Ahnung schwebte in der Luft: es würde der Entscheidungskampf sein, der Befreiungskrieg der deutschen Stämme von fremdem, schmachvollem Joch.
Vom Westen her zogen langsam die neugeschaffenen französischen Armeen heran. Wohl waren es nicht die kampferprobten, siegesgewohnten Kriegsscharen wie bisher; in der Mehrzahl füllten junge Männer die Reihen, deren Dienste man früher abgelehnt hatte. Aber der Riesengeist des Schlachtenkaisers führte sie, auf dessen zermalmendes Genie seine Soldaten blind schworen, und dem gegenüber trotz aller kriegsfreudigen Stimmung seine Feinde ihrer Bangigkeit nicht völlig Herr werden konnten.
In Sachsen wogte die Stimmung noch immer auf und nieder. Einig war sich das Volk nur in dem Gedanken, daß man von Polen, nach dem der König angstvoll ausschaute, nichts wissen wollte. Er und seine Minister harrten sehnsüchtig auf die Ankunft Napoleons, während das Volk mit klopfendem Herzen über die Grenze sah, wo der preußische Nationalstolz wieder erwachte und ein erhebendes Schauspiel anhob.
Hier und da begann auch in Sachsen die Begeisterung emporzuflackern; aber das Feuer war matt, man konnte sich kaum die Hände daran wärmen. Von der himmelwärts schlagenden Begeisterung, dem Zorn und Rachedurst, die in den preußischen Herzen alle Bedenken zum Schweigen brachten, war in Sachsen nichts zu spüren. Wohl hatte man nicht die Demütigungen erlitten, die Preußens König und Volk auferlegt worden waren. Statt der Mißhandlungen hatte das Land Gunstbeweise und Schmeicheleien vom Kaiser erfahren. Leider empfanden die weiten Kreise aber nicht, daß Napoleons Großmut nichts anderes gewesen war als die Klugheit, sich im Herzen Deutschlands die Sympathien eines Volkes zu sichern, um andere deutsche Stämme desto ungestörter bekämpfen zu können.
In der Schlacht bei Jena neben Preußen fechtend, hatte sich Kurfürst Friedrich August bald darauf Napoleon unterworfen und als Lohn dafür die Erhebung zum König freudigen Herzens entgegengenommen. Von diesem Augenblick an war Sachsens Herrscher ein willenloses Werkzeug in der Hand des Gewaltigen. Er war ihm weniger ergeben aus Dankbarkeit, als aus Furcht; und mit seinem König jubelte das Land dem Kaiser zu.