Das Volk entriß sich endlich zuerst dem Taumel; König und Regierung aber bewahrten ihre Anhänglichkeit fort. Und als schließlich die Staatsmänner die Stimmung im Volke nicht mehr verkennen konnten, als sie Scham darüber empfanden, daß nur Sachsen mit Deutschlands Feinden wider alle deutschen Stämme stand und ihre Verehrung gegen Napoleon sich in Haß kehrte, da blieb der König allein auf der Seite seines kaiserlichen Gönners. Selbst als alles verloren war, und die aufgelöste französische Armee in wilder Flucht durch die Straßen Leipzigs zurückflutete, erklärte der aus seinem Schlupfwinkel im Keller herbeigeholte sächsische König dem russischen General Toll mit bleichem Gesicht, daß sein hoher Verbündeter Leipzig sicherlich nur deshalb verlasse, um mit seiner Armee auf freiem Felde zu manövrieren. –
In Dresden hatte unterdessen der Marschall Davout infolge Sprengens der Elbbrücke unter der Bevölkerung maßlose Erbitterung erregt, und der Kommandant von Torgau, General Thielmann, war in die russische Armee eingetreten, da er die vom König befohlene Auslieferung der Festung an die Franzosen als entehrende Schmach empfand.
Noch war Napoleon mit seiner Hauptmacht unterwegs, da wurde dem König beim Heranrücken der Russen der Boden seines Landes unter den Füßen heiß. Er zog sich nach Regensburg zurück und ging bald darauf nach Prag, von wo aus er mit dem Wiener Kabinett Unterhandlungen pflog, deren Spitze sich allerdings gegen die Franzosen richtete, und die er aus Klugheit eingeleitet hatte, um es nicht mit beiden Teilen zu verderben. Da erschien plötzlich der Kaiser in Dresden, nachdem ihm das alte Kriegsglück bei Großgörschen wieder gelächelt hatte.
In hellem Zorn entbot er König Friedrich August zu sich. Bei der Kunde des Sieges Napoleons brach die mühsam behauptete Fassung des Königs zusammen. Er eilte nach seiner Hauptstadt und empfing zerknirscht die Vorwürfe des Kaisers. Alle Demütigungen, die Friedrich Wilhelm von Preußen erlitten hatte, bedeuteten nichts im Vergleich zu der Erniedrigung, der sich Sachsens König in diesen Tagen unterwerfen mußte. Aber auch dieses Schicksal war nicht imstande, dem dreiundsechzigjährigen König die Augen zu öffnen, sondern vertiefte in ihm nur das Gefühl der Unterwürfigkeit vor Napoleon.
Einer von den Männern, die die politische Lauheit ihres Volkes von vornherein ergrimmte, und denen die Scham über das unwürdige Gebahren von König und Regierung ins Herz brannte, war Konrad Hartmann. Mit Freude vernahm er von der gewaltigen Erhebung des preußischen Volks und er konnte eine Anwandlung von Neid nicht unterdrücken, wenn er diese Begeisterung und Opferwilligkeit mit der schwankenden Haltung der breiten Kreise der sächsischen Bevölkerung verglich. Denn aus dem menschlichen Hingezogenfühlen zu diesem, den Sachsen durch seine unerschrockene Erhebung hohe Achtung einflößenden deutschen Stamme, aus den eingebildeten Gefühlen der Dankbarkeit und der Anbetung des Genies, der stillen Eitelkeit, daß der von der ganzen Welt bewunderte Franzosenkaiser sich offen als Freund des sächsischen Volkes bekannte und endlich der gewohnten, alles gutheißenden Ergebenheit zu dem König, – aus all diesen widerstreitenden Empfindungen heraus wollte in Sachsen noch immer nicht überall die Erkenntnis des wahren Standes der Dinge heraufkommen.
Konrad hatte schon mehrfach versucht, gleichgesinnte Männer zu finden. Bei Max hatte er zuerst angeklopft, obwohl er von früher her dessen Gesinnung kannte. Es war auch diesmal nicht möglich gewesen, den Freund für seine Ideen zu gewinnen. Zwar verfolgte Max den Gang der Ereignisse mit Aufmerksamkeit, aber dem Plan Konrads, im Stillen für eine gewaltige Kundgebung gegen die laue Regierung zu arbeiten, konnte er nimmermehr zustimmen. Das aristokratische Gefühl, das er mit dem Blut empfangen hatte, beherrschte ihn so stark, daß er jeden Plan zu einem Unternehmen, den Entschlüssen der Regierung gewaltsam entgegenzutreten, verwarf. Er war nicht umsonst der Nachkomme eines Geschlechts, das jahrhundertelang für die Autorität der Staatsregierung durch dick und dünn geritten war und dem der Wille des Landesherrn allzeit als oberstes Gesetz gegolten hatte. Wenn er auch nicht an die Unfehlbarkeit der Monarchen glaubte, so war es nach seiner Überzeugung doch besser, wenn sich ein Volk selbst dann, wenn seine Geschicke durch die irrige Politik seines Königs drückend wurden, dem Lose willig fügte, als durch eigene Versuche eine Änderung der Verhältnisse herbeizuführen. Das hohe Gefühl der Verantwortlichkeit gegenüber der Vorsehung, die sie eingesetzt, hatte die Herrschenden auf Sachsens Thron zu allen Zeiten den richtigen Augenblick erkennen lassen, zu dem sie das Steuer des Staatsschiffes wirksam gebrauchen und seinen Kurs ändern mußten.
Konrad hatte mit großer Beredtsamkeit auf die vielen Fehler hingewiesen, die in den letzten Jahren in Dresden gemacht worden waren, ohne daß es seinen Worten gelungen wäre, den Freund umzustimmen.
Dann ging der Rabensteiner zu andern, bei denen er Erhörung hoffte. Aber auch hier machten seine Worte keinen großen Eindruck. Des Krieges waren sie alle müde, aber sie begriffen es nicht, wie einer so kühn sein konnte daran zu denken, daß das Volk einen Einfluß auf die Beendigung des Krieges gewinnen könne. Für solche Sachen hatte man ja die Regierung. Und wenn diese, die das Elend des Landes sicherlich genau kannte, nicht imstande war eine Änderung herbeizuführen, wie sollte es dann der einzelne Bauer können?
Drüben in Preußen lag die Sache ja ganz anders. Dort handelte der König gemeinsam mit seinen Untertanen.
Und die Sprecher schlugen mit der schwieligen Bauernfaust krachend auf den Tisch und schwuren, daß sie nun genug hätten von den ewigen Kriegen und daß sie, wenn man nach ihnen riefe, bereit seien, die Blutsauger zu Paaren zu treiben, – freilich müsse man, fügten sie kleinlaut hinzu, doch erst abwarten, ob denn der König dies auch so haben wolle.