Mit Ingrimm lachte Konrad diesen Helden dann ins Gesicht und versicherte ihnen, daß sie, wenn sie darauf warten wollten, nie im Leben ein Schießeisen in die Hände zu nehmen brauchten; die Schrecken des Krieges mit seinen Verlusten an Blut und Gut würden dann aber auch niemals enden.
Bei den Besitzenden hatte Konrad nichts ausgerichtet. Sie bangten vielzusehr um ihre Habe und hätten sich ihr Eigentum eher stückweise unter den Händen wegreißen lassen, als sich dazu aufzuraffen, dem unersättlichen Angreifer entschlossen entgegenzutreten.
Hierauf ging der Unermüdliche zu den Besitzlosen, zu denen, die um ihr tägliches Brot hart arbeiteten. Denn auch diese litten schwer unter den Kriegszeiten. Er sprach von der mit Füßen getretenen Ehre des Volks. Das verstanden sie nicht. Dann erzählte er, wie schön es doch wäre, wenn die Franzosen das Land verließen und nicht wiederkehrten. Das gefiel ihnen. Zuletzt malte er die Segnungen gedeihlicher Friedensarbeit aus. Wie das arg verwüstete Land wieder aufblühen würde, der Wohlstand zurückkehre und auch für sie wieder bessere Zeiten anbrechen müßten. Da schmunzelten die also Angesprochenen, hielten den Pflug an, oder machten den krummen Rücken gerade und stellten den Fuß auf den Spaten und erkundigten sich, ob der Mittelknecht dann wieder dreißig Taler bekäme statt der zwanzig wie jetzt, und ob das Besserwerden schon von der nächsten Woche ab losgehe, oder wann sonst. Wenn die Franzosen gingen. – Ob die bald gingen? – Die gehen nicht von selbst, wir müssen sie zum Lande hinauswerfen. – Staunen! – Aber ihr Kaiser, der Napoleon, was mit dem werden solle? – Der muß mitsamt seinem Heere fortgejagt werden. – –
Da wurden die Gesichter lang und länger, und mitleidige Blicke trafen Konrad. Schade um ihn! Der Rabensteiner war bisher ein Mann gewesen, vor dem man Achtung haben mußte, weil er alle Dinge kannte; aber jetzt war es aus mit ihm. Er hatte immerfort in dicken Büchern gelesen und sich dabei überstudiert. So war er, der Alleswissende, im Kopfe schwach geworden und sah den Mond für ein Käsekäulchen an. Und mit lautem hüh wurden die Gäule wieder angetrieben, daß der scharfe Zahn des Pfluges das Erdreich von neuem aufriß, und das Grabscheit stichelte fleißig weiter, um die nutzlos geopferte Zeit wieder einzuholen.
So erging es Konrad überall. Ob Herr, ob Knecht, der Gesichtskreis beider hörte unmittelbar hinter den Abschlußrainen ihrer Wiesen und Felder auf, und mit hartnäckigem Bauernstarrsinn horchten sie an seinen Worten vorbei.
Nun lief Konrad auf die Nachbardörfer wo er einen Gleichgesinnten wußte, vielleicht hatte dieser mehr Erfolg. Aber er erlebte eine Enttäuschung über die andere. Überall wo er fragte, vernahm er dieselbe Antwort: es ist unmöglich, die Leute für die Sache zu gewinnen.
Da reifte, gleichsam wie das Weizenkorn in der Erde unter den belebenden Strahlen der Frühlingssonne, zwischen den bittern Gefühlen über die Gleichgültigkeit und Stumpfheit seiner Landsleute und dem die Brust beengenden Haß gegen die Bedrücker, in der Seele des jungen Mannes langsam der Entschluß, die Sorge für seinen Hof der Mutter allein zu überlassen und in das preußische Heer als Freiwilliger einzutreten.
Die Ausführung dieses Planes sollte aber sobald nicht verwirklicht werden. Konrads Mutter wurde von einer tückischen Krankheit hart darniedergeworfen und rang während mehrerer Wochen mit dem Tode. Und als endlich die Gefahr für ihr Leben vorüber war, genas sie sehr langsam, und Konrad mußte während dieser ganzen Zeit so angestrengt schaffen, daß er sich nicht wenig verwunderte, wieviel Arbeit seine Mutter doch bisher still verrichtet hatte.
Der Sommer des Jahres 1813 ging ins Land. Die für Napoleon siegreichen Schlachten bei Bautzen und Dresden wurden geschlagen und stärkten seinen Kriegsruhm von neuem. Fast zur gleichen Zeit aber wurden die hervorragendsten Generale des Kaisers von preußischen Armeen besiegt, so daß die zuversichtliche Stimmung in den Reihen der Franzosen arg litt, während die Siegeshoffnung der Verbündeten immer mehr wuchs.
Aus allen Teilen des sächsischen Landes kamen jetzt Nachrichten über Sympathiekundgebungen für die verbündeten Truppen. In Dresden wurden die Stimmen, die noch für den Kaiser waren, niedergeschrieen, und mit Frohlocken sprach man die Tatsache weiter, daß eine ganze Anzahl Leipziger Studenten als Freiwillige zu den preußischen Fahnen geeilt sei. Napoleons Zorn wandte sich deshalb gegen diese verhaßte Stadt. Er legte ihr eine Brandschatzung auf und erklärte sie in Belagerungszustand.