Für den König aber und seine Minister schien die wachsende Begeisterung im Lande überhaupt nicht zu bestehen. Mehr den je fand Friedrich August das Verhältnis zu Napoleon natürlich und heilbringend für sich und sein geprüftes Volk. Den niedrigsten Tiefstand von Entfremdetsein mit den Ereignissen dieser bedeutungsvollen Tage aber erreichten Sachsens Regierende um die Mitte des Monats August.
In unglaublicher Verblendung wurde nämlich der General von Gersdorff beauftragt, dem Kaiser eine Note zu überreichen, worin der König bat, die von Napoleon schon in Aussicht gestellte Gebietsvergrößerung Sachsens um 500 000 Seelen ihm beim Friedensschlusse mit den besiegten Preußen und Russen dergestalt zu gewähren, daß ein Teil Schlesiens mit Sprottau und der Festung Glogau an Sachsen falle, um eine unmittelbare Verbindung mit dem Herzogtum Warschau herzustellen. Und selbst dann war der suggestive Einfluß Napoleons auf den König von Sachsen noch ebenso gewaltig, als die Niederlagen der Franzosen bei Großbeeren, Kulm und Dennewitz in den Straßen der sächsischen Hauptstadt ausgerufen wurden und der Jubel der Bevölkerung das düstere Schloß der Wettiner umtoste.
In den größeren Städten des Landes bekannte man sich jetzt offen für die Verbündeten, und als in der Nacht zum 23. September der Major von Bünau mit einem sächsischen Bataillon König bei Oranienbaum zu den Preußen überging, schwoll die Abneigung gegen die Franzosen so an, daß die Wogen der Begeisterung über die Ufer hinausrollten und sich bis in die kleinsten Ortschaften des Landes ergossen. Mit Wut sah man auf die Ausschreitungen einzelner schlecht in der Mannszucht stehenden französischen Regimenter und bemerkte mit Freude, daß die Anzahl ihrer Fahnenflüchtigen wuchs, die in hellen Haufen dem Rheine zuwanderten.
Konrad war unterdessen nicht müßig gewesen. Er hatte nicht nachgelassen, für den Eintritt in preußische Dienste Stimmung zu machen, und seinen unermüdlichen Anstrengungen war es zuletzt gelungen, im Dorfe ein paar Gesinnungsverwandte zu finden.
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Auf dem Freihofe war es in diesem Sommer ziemlich still zugegangen, denn es war ja noch immer Trauer im Hause. Die Ernte war zwar gut gewesen, aber man hatte nicht viel davon hereingebracht. Die wiederholten Truppendurchzüge, mit denen die Gegend vom Tage von Großgörschen ab überschwemmt wurde, hatten viel davon aufgezehrt. Fast den ganzen Hafer hatte Max, gerade als er sich goldig färbte, an französische Reiterregimenter auf dem Halme verkaufen müssen. Nicht viel anders war es ihm mit dem Roggen gegangen, von dem er in diesem Jahre so viel besaß, und den Weizen hatte er schon im Frühjahr einem der herumreisenden Regierungsagenten versprochen, der ihn bei jeder Begegnung obendrein an die in Aussicht gestellten zweitausend Scheffel Kartoffeln erinnerte.
Von allen Seiten war mit gutem Gelde bezahlt worden, auch von den Franzosen. Später aber gaben diese nur noch Anweisungen auf die Regierungskasse in Leipzig, die kaum imstande war, alle Anforderungen zu befriedigen. Zuletzt kamen auch Einbußen. Die Einquartierungen wollten nicht enden, und die französischen Kommissare feilschten um das Vieh wie die schlimmsten Juden, und man mußte höllisch aufpassen, daß mit der schlecht bezahlten Kuh nicht auch das Kalb aus dem Stalle verschwand. Das Federvieh konnte nicht mehr herausgelassen werden. Wenn man den Rücken wandte, streckten sich sechs Hände zugleich nach der dürrsten Henne aus. Die französischen Soldaten waren oft betrunken und begingen dann Ausschreitungen.
Als Max eines Abends in den durch eine Lampe notdürftig erleuchteten, kleinen Rinderstall trat, kam er gerade zur rechten Zeit, um eine sich heftig sträubende Magd aus den Armen eines hochgewachsenen französischen Korporals zu befreien. Wie ein Vampyr hing der Kerl an dem zitternden Mädchen, das ihn nicht abschütteln konnte, obwohl es die ganze Kraft seiner starken Arme aufs äußerste anspannte. In zornigem Tone herrschte Max den Franzosen an, worauf dieser, ohne das Mädchen aus den Armen zu lassen und erzürnt ob der Störung, ihn frech musterte. Da überkam den jungen Gutsherrn vom Freihofe ein gesunder Zorn. Mit einem langen Schritte trat er hinzu, faßte den Soldaten mit der Faust am Rockkragen, riß ihn vom Mädchen weg, schüttelte ihn wie eine Katze ein paar mal hin und her, daß dem liebestrotzenden Marssohne Hören und Sehen verging und warf ihn dann mit solcher Kraft gegen die Stalltür, daß deren Zapfen sich in der Mauer lösten, und er im Verein mit dem obendrein zersplitternden, alten Holzgitter prasselnd hinaus auf den Hof flog.
Die Freihoferin war seit Elisabeths Tode noch wortkarger geworden. Um die Wirtschaft kümmerte sie sich nicht mehr sonderlich viel. Am liebsten saß sie in der großen Stube am hintern Fenster und sah hinaus im den Obstgarten. Dort konnte sie lange sinnen und schweigsam den Ort betrachten, wo Elisabeth als Kind immer gespielt hatte.
Maria kam täglich zu ihr. Mit dem feinen Takte, den man in hohem Grade bei edeln Frauen findet, hatte sie jeden Zärtlichkeitsbeweis der Mutter ihres Verlobten gegenüber unterlassen. Die Nichte war ihrer Tante vom ersten Tage ab mit ruhiger Sicherheit begegnet, als wenn sie schon seit Jahren um sie herum wäre. Nichts erschien ihr auffällig und ohne sich in der Ausführung ihrer Dienste zu übereilen, war sie voll Aufmerksamkeit bemüht, die Wünsche der Greisin von ihrem Gesicht abzulesen, das freilich nur wenig von dem verriet, was in ihrem Innern vorging. Das zurückhaltende Benehmen Marias gefiel der Freihoferin. In kurzer Zeit hatte ihr scharfer Verstand das Wesen der jungen Nichte erkannt, und mit geheimem Entzücken entdeckte sie neben den herrlichsten weiblichen Tugenden ein Herz voll Liebe, das auch für sie schlug. Und als eines Abends Maria vor der Greisin stand, um Abschied zu nehmen, fühlte die feine, weiße Hand, die sonst nur flüchtig in der von vielen blauen Adern durchzogenen geruht hatte, sich festgehalten. Langsam erhob sich die Greisin vom Stuhle, weidete sich ein paar Augenblicke mit Entzücken an der Schönheit des in großer Verwirrung errötenden Mädchens und zog es endlich an die Brust und küßte es wiederholt. Da öffnete sich die Tür, und unbemerkt von beiden erschien Max auf der Schwelle, um seine Braut abzuholen, damit er sie, wie allabendlich, über die Wiesen begleite. Ein Sekunde lang schaute er mit großen Augen auf die Gruppe, dann verließ er leise wieder das Zimmer.