Von diesem Tage ab erschien die Freihoferin den Leuten getrösteter. Der herbe Leidenszug war von ihrem Gesicht verschwunden und hatte dem Ausdruck eines geklärten Schmerzes, wie der Mensch ihn zur Schau trägt, wenn er sich mit Würde in sein Schicksal zu finden weiß, Raum gegeben. Nun ging sie auch wieder öfters als in den letzten Wochen über den Hof, hinüber nach den Scheunen und Ställen. Aber ihr Gang war nicht mehr so sicher wie bisher, und das spärliche, glattgestrichene Haar, das noch vor wenigen Jahren tiefschwarz war, lag auf dem Kopfe wie in mattem Silberglanze leuchtende Seide.

Die Hochzeit der jungen Leute sollte nach der Ernte sein. Die Vorbereitungen hierzu wurden auf das eifrigste betrieben, als sie ganz unerwartet jäh unterbrochen werden mußten: Marias Vater erlitt einen Schlaganfall, der den alten Herrn todkrank machte. Seine kräftige Natur raffte sich jedoch bald wieder auf, als der Anfall sich wiederholte und er ihm erlag. Marias Schmerz war zum Herzbrechen, und erschüttert stand Max an der Leiche des teuern Toten, der ihm mit väterlicher Liebe und Güte zugetan gewesen war.

Wie bei Elisabeth war die Freihoferin von dem Krankenbette nicht gewichen, und in den letzten lichten Stunden des Verstorbenen hatten sich die beiden alten Menschen gefunden, und die Aussöhnung, die nach der Verlobung stattgefunden hatte, war im innersten Herzen besiegelt worden. Mit fester Stimme segnete der Freiherr die Kinder. Darauf wandte er sich an die Greisin, die mit ineinandergeschlungenen Händen, den Kopf auf die Brust geneigt, wortlos am Bette stand. Der Sterbende griff nach ihrer Hand und zog die vom Schmerze, dem keine Worte Ausdruck geben können, Überwältigte sanft an sich. Da versagte der Freihoferin die Kraft. Ihre Knie beugten sich, und langsam sank sie neben dem Bette nieder und barg das Haupt in den Händen. Als aber die tastende, zitternde Hand sanft über ihr welkes Antlitz strich, wehrte ihr die Greisin, und aus den Händen heraus klang ihre bebende Stimme:

»Arnold, ich verdiene Deine Liebe und Güte nicht, ich, die Dir im Leben so schweres Herzeleid zugefügt hat.«

Der alte Mann aber sprach mild:

»Die bösen Zeiten sind vorüber, Constanze; möge die Erinnerung an sie recht bald in das graue Meer der Vergessenheit hinabsinken. Ich nehme alle Schuld, die begangen worden ist, mit ins Grab und das, was ich zurücklasse, sei Liebe und Frieden. Ein starkes Geschlecht mag aus der Vereinigung unserer Kinder erwachsen, und auf immerdar sollen unsere Familien unauflösbar miteinander verschmolzen sein. Dir aber, wünsche ich, mögen die Kinder Deinen Lebensabend sonnig gestalten, denn Du hast ja am meisten gelitten.«

Darauf entgegnete die Freihoferin nichts, aber sie küßte wiederholt und voll Inbrunst die Hand des Sterbenden.

16. Kapitel.

Es war an einem Septembertage, als Konrad Hartmann Max mit seinem Besuche überraschte. Die beiden Freunde hatten sich in der letzten Zeit selten gesehen. Konrad hatte nicht aufgehört, die franzosenfeindliche Stimmung in alle Häuser zu tragen und war seiner Aufgabe mit einem solchen Eifer nachgekommen, daß ihm keine freie Minute übrig blieb. Max war tagsüber in der Wirtschaft stark in Anspruch genommen gewesen, in den übrigen Stunden aber hatte er das Haus selten verlassen.

Zu dem kleinen Kreise, den er mit der Mutter und Maria bildete, hatte sich als viertes Mitglied Marias wiedergenesene Tante hinzugesellt, die bis zur Hochzeit und Übersiedlung Marias nach dem Freihofe auf dem Weißen Schlosse das Zepter führte.