»Gebe Gott, daß Du recht hast,« antwortete Konrad, »denn ich beabsichtige, mich um die Aufnahme in ein Husarenregiment zu bewerben. Aber Max, nur um Dir dies zu erzählen, bin ich nicht hierhergekommen; – ich kann es noch immer nicht glauben, daß Du zurückbleiben könntest, wenn Du uns gehen siehst.«
Da wandte Max das Gesicht erneut zu Konrad und sagte mit schlecht verbissenem Lächeln:
»Soll ich mich mit meinem Körpergewicht von dritthalb Zentnern etwa auch für ein Husarenregiment einschreiben lassen?«
»Keine Scherze, Max,« bat Konrad, der seine ganze Sicherheit wiedergewonnen hatte, »die Zeit ist zu ernst zum scherzen. Wenn mich nicht so feste Bande an Dich fesselten, würde ich nicht hier stehen und noch einmal versuchen, Dich zum Mitgehen zu bewegen.
Du wünschest sehnlichst friedliche Zeiten herbei. Gut, das weiß ich, aber glaubst du vielleicht, daß der Frieden kommt, wenn die Regierungen einzelner deutschen Staaten sich darin überbieten, dem fremden Eroberer zu lobhudeln, anstatt dem Beispiele ihrer Bruderstämme zu folgen, bei denen einsichtsvolle und beherzte Männer die lange genug am Boden schleifenden Zügel des in toller Fahrt dahinjagenden Staatskarrens mit Verachtung der Gefahr in die Höhe reißen?«
Max war während der Worte des Freundes ernst geworden. Jetzt antwortete er:
»Dein leicht erregbares Blut spielt Dir einen Streich, Konrad. Du siehst nicht die Steine, die am Wege liegen, bis Du ihre scharfen Kanten spürst und Dir die Füße an ihnen wundgestoßen hast. Wir Sachsen haben immer mit dem besten Erfolge die Geschicke des Landes in die Hände unserer Fürsten gelegt. Ob die abwartende Haltung des Königs und der Minister uns nicht doch noch zum Segen gereicht, wissen wir heute nicht. Ruft uns die Stimme des Königs gegen Napoleon, dann wird ihm von seinem Volke dieselbe Hingebung zuteil, wie sie Friedrich Wilhelm von seinen Untertanen empfängt. Aber gegen den Willen des Königs darf sich ein Volk erst dann auflehnen, wenn es sich überzeugt hat, daß seine Existenz bedroht ist, oder daß es schweren Schaden erlitte, wenn die eingeschlagene Straße weiter verfolgt würde.«
Bis hierher hatte Konrad an sich gehalten, jetzt brach er los:
»Wie weit willst Du denn die Probe ausdehnen? Wann ist für Dich der gegebene Augenblick gekommen, zu dem die Nation eine Abkehr von der Politik des Landesherrn mit Recht fordern darf? Sieh Dich um, Max! Aus allen Teilen des Landes des langmütigen Sachsenvolkes kommen Nachrichten von heftigen Einsprüchen gegen die Stellung der Regierung. Das ist der sich erhebende Sturm, der vor dem Hereinbrechen des Gewitters über die Fluren braust. Nur zu lange haben wir der Führung blind vertraut; jetzt schrecken wir auf und sehen mit Entsetzen, daß dicht vor unsern Füßen ein tiefer Abgrund gähnt. Wie kannst Du noch von den heiligen Untertanenpflichten gegen den König sprechen, wenn dieser uns von der Höhe des Ansehens und der Achtung, die wir bei unsern Nachbarn genossen, tief hinabgeführt hat in Niederungen, wohin uns nichts als höhnische Zurufe und verächtliche Blicke begleiteten. Unser Land ist ausgesogen und dem Ruin nahegebracht, und seine besten Söhne liegen ruhmlos in fremder Erde oder kämpfen schimpflich gegen die heldenmütigen Verteidiger deutscher Ehre und deutschen Bodens. Unaussprechlicher Jammer ist in die Wohnungen unseres guten Volkes eingekehrt; Armut schwingt die Geißel, und Not und Sorge hocken am Herd und blasen die spärlichen Feuer aus. Dafür lodern aber die gefräßigen Flammen anderwärts hell auf: zwanzig Dörfer brannten zwischen Königswartha und Görlitz in den Tagen, wo um Bautzen gekämpft wurde, und ihr blutigroter Schein am Nachthimmel leuchtete den Entmenschten, die sich Freunde unseres Landes nennen, als sie den Bauern das letzte Stück Vieh aus den Händen rissen, das ihm von dem in Trümmern liegenden Besitz seiner Väter geblieben war. Die schlimmsten Gräuel des dreißigjährigen Krieges steigen wieder herauf wenn man vernimmt, daß Tausende von Bauern aus den niedergebrannten Dörfern in die Wälder flüchten mußten, um das nackte Leben zu retten. Und wenn am Sonntag die geängstigten und schwergeprüften Landleute sich in den Kirchen wiederfinden, dann müssen sie vernehmen, wie von den Kanzeln herab der Segen des Allmächtigen für die Waffen des Beschützers des Landes erfleht wird. Max, ich sage Dir, hüte Dich, daß Du aus Liebe und Treue gegen den König nicht zum Verräter an Deinem Volke wirst!«
Hier schwieg Konrad, um den Freund sprechen zu lassen. Der aber antwortete nicht. Wie eine Bildsäule saß er im Stuhle und starrte vor sich nieder.