»Jahrhundertelang,« fuhr Konrad bitter fort, »lagen die deutschen Stämme gegen einander in Streit, wie die Nachkommen einer Mutter, die sich gegenseitig verderben. Einer gewaltigen Arena glich das deutsche Land, und die Völker Europas saßen auf den Stufen und schauten mit vergnügten Mienen auf die Kämpfenden. Zu allen Zeiten wurde ein Grund gefunden, der es ermöglichte, daß man eine lange Reihe von Jahren gedeihlichen Friedens vermeiden konnte. Krieg und Verwüstung war die Losung! Heute verlangt es der König, daß in der großen Zeit einer einmütigen Erhebung gegen die Feinde Deutschlands sein Volk die Waffen gegen die befreundeten Nachbarn erhebe, um den Blutdurst des Anführers eines jahrhundertealten Feindes allen Deutschtums zu stillen. So vertilgen wir einander mit Ingrimm selbst, bis endlich an den Ufern der deutschen Ströme fremde Laute erklingen und fremde Sitten gepflegt werden, und man von uns sprechen wird, wie von einer untergegangenen Stadt; – – ein neues Glied im Totentanze der Völker! Heute helfen wir unsere Stammesbrüder niederwerfen und sehen in unbegreiflicher Verblendung nicht voraus, daß sich der Fuß des Siegers auch seinem Helfer auf den Nacken setzen wird.

Was wirst Du einstmals empfinden, Max, wenn Du siehst, wie Deine Töchter mit niedergeschlagenen Augen Unfreien zum Altare folgen! Und was wirst Du antworten, wenn sich Dein Sohn mit blitzenden Augen vor Dich hinstellt und fragt: Vater, ist es wahr, daß es einstens welche gegeben hat, die die große Sache mit kleinlichen Bedenken bekämpften, bis es zu spät war? Und das sage ich Dir, Max, Kinder sind zuweilen unerbittlich strenge Richter für die Taten ihrer Väter!«

Max hatte während der ganzen Rede Konrads stillgeschwiegen. Auch jetzt, nachdem dieser geendet, blieb er stumm sitzen, den mächtigen Oberkörper fast auf dem Tische liegend und mit beiden Ellbogen stützend. Ein paar Sekunden verstrichen, ohne daß einer der beiden Männer ein Wort sprach. Da endlich unterbrach Max das Schweigen und fast wie im Selbstgespräch sagte er mit halblauter Stimme, die gezwungen ruhig klang:

»Ich kann es keinem erlauben zu behaupten, daß ich ihm nachstünde in der Liebe zu meinem Volk und meinem Vaterlande. Ich habe es bereits ausgesprochen, daß ich bereit bin, zum richtigen Zeitpunkt mein Leben in die Schanze zu schlagen. Bis dahin bin ich bemüht, das Elend und die Not meiner Mitmenschen zu mildern, soweit es in meiner Macht steht – –«

»Max,« unterbrach hier Konrad ungeduldig, »verzeihe mir, wenn ich Dich verletze. Aber auch Du hast, wie so viele andere, in den Augenblicken der höchsten Not nichts als Worte. Das Vaterland liegt auf den Tod darnieder und krümmt sich unter den schweren Schlägen, die es erschüttern. Einige Wenige nur sind es, die ihm beispringen, die großen Massen aber stehen dumpfbrütend zur Seite und lassen es verbluten. Daß Du für die Schwachen, für die Frauen und Kinder Deinen Leib einsetzen würdest, glaube ich Dir, denn nur ein Hundsfott handelt anders. Aber wenn je, dann ist es jetzt Zeit, den Worten Taten folgen zu lassen, heraus mit der Plempe, wer gut sächsisch denkt, auf daß wir nicht mehr das Gespött von Millionen guter Deutschen bilden. Wer jetzt, in den Tagen der großen Wehen noch lau ist, auf den wird einst das kommende Geschlecht mit Fingern zeigen.«

Da machte der breit am Tisch sitzende Mann eine plötzliche Bewegung, erhob sich und ging mit dröhnenden Schritten auf den Sprechenden zu, bis er dicht vor ihm stand. Sein Gesicht war gerötet, und seine breite Brust erzitterte unter den schweren Atemstößen.

»Konrad,« stieß er hervor, und bezwang seine große Erregung, daß er nicht laut aufschrie, »bedenke, was Du sprichst? Du führest große Worte im Munde; hüte Dich, daß die Wogen, die Du aufpeitschest, nicht über Deinem Kopfe zusammenschlagen. Es klingt ein brausender Klang durch Deine Rede, aber es wäre entsetzlich, wenn den, der sich begeistern ließe, nur ein Trugbild narrte. Welche Schuld können die Männer auf sich laden, die einen großen Sturm im Lande entfachen! Der Kaiser würde, wenn es ihm gelänge, die Heere seiner Gegner niederzuwerfen, unser Land grausam strafen. Edler Freiheitsdrang und kühner Wagemut würden tiefste Demütigung gebären, und die dem Volke auferlegten Opfer müßten alles bisher Erlittene weit übertreffen. Die einmal entfesselten Gewalten sind nicht mehr niederzuhalten. Sind erst die Leidenschaften geweckt, dann sind die Menschen blind und wüten, wenn der Plan fehlschlägt, gegeneinander, sich selbst zerfleischend.«

»Still, still,« fiel Konrad dem Freund in die Rede, »du bist im Irrtum, wenn Du glaubst, daß ich jetzt noch für eine lärmende Erhebung gegen die in unseres Volkes Mitte weilenden Zwingscharen Stimmung machen wolle. Ich will, wie ich Dir schon sagte, mich dem preußischen Heere anschließen und versuchen, noch eine Anzahl warmherziger Männer für diesen Plan zu gewinnen. Und so, wolle es Gott, möge man in vielen andern sächsischen Ortschaften auch denken. Aber ohne Lärm muß dies geschehen, sonst wird unser Vorhaben vereitelt, denn wir sind rings von Spionen umgeben, die der uns Sachsen längst nicht mehr trauende Kaiser unterhält. Du befürchtest, daß die Armeen der Verbündeten den Franzosen zuletzt wieder unterliegen müßten? O, Du Kleingläubiger! Komm, zieh mit uns und hilf die Reihen der deutschen Streiter vergrößern, auf jedes Mannes Faust und Auge kommt es an. Die unerschütterliche Zuversicht aber laß in Deine Seele einziehen: Männer von dem unbeugsamen Willen zu siegen oder zu sterben, wie sie den wallenden schwarzweißen Fahnen nachfolgen, können wohl geschlagen, nie aber besiegt werden, denn sie kämpfen ja alle für ihre verlorenen höchsten Güter. Gebiete deshalb der beschwichtigenden Stimme in Deinem Busen Schweigen, sie will Dir den Mannesmut ersticken! Du milderst Elend und Not, die um dich herum grinsen? Gewiß, das tust Du, und das habt Ihr Tiefenbachs im Verborgenen immer getan. Ja, Du tust noch mehr! Dein nüchtern denkender Kopf hat schon manchen glücklichen Ausweg gefunden, und Dein Rat wird von jedermann hoch geschätzt. Keine Mühe verdrießt Dich, wenn es gilt, das Gemeinwohl im Dorfe zu fördern. So verleihen Dir Herz und Verstand Eigenschaften, daß Du Dich trotz Deiner jungen Jahre wie keiner sonst großen Ansehens erfreust, weit in der Landschaft. Aber ist das das Höchste, mit dem Nächsten das Brot teilen und ihm, wenn er in Bedrängnis, mit gutem Rat zur Seite stehen? Dazu bedarf es doch keiner hohen Eigenschaften! Dein Ziel muß weiter draußen liegen.

Ich will Dir sagen, Max, was besser ist als treu mit dem Volke die Straße dahinziehen: Du mußt es führen! Dein Blick soll weithinaus schauen. Wo steinigte Abhänge und fruchtbare Täler liegen, mußt Du wissen, Gefilde, die die belebenden Sonnenstrahlen täglich umschmeicheln und verlorene Plätze, wo kalte Nebel ziehen und schwere Stürme jahraus jahrein daheim sind, dürfen Dir nicht verborgen sein! Dort, wohin heute die Deinen gelangen, mußt Du schon gestern geweilt haben, und wenn ihr Zug am Kreuzweg ankommt, betrittst Du als erster den richtigen Pfad, der nach Deinen besten menschlichen Erwägungen von den Dir Hinterdreinziehenden zu ihrem Heile begangen wird. Stell’ Dich darum jetzt an unsere Spitze, denn Du bist unser geborener Führer. Laß Deine Beredtsamkeit auf die Männer wirken und reiße die Zögernden durch Dein Beispiel mit fort. Schwing Dich hoch hinauf, betrachte von den Zinnen der Geschichte die Völkerstraßen und urteile dann, ob Entschlossenheit und Draufgehen oder Ergebenheit und täglich erneutes Weiterquälen für das Heil eines Volkes besser sind. Der gemeine Mann ist zaghaft und beschränkt, er betrachtet jedes Abweichen vom Althergebrachten als einen Sprung ins Dunkle und berechnet die Möglichkeit des Wachsens oder Verminderns seines Besitzes an den zitternden Fingern, indem er den Gewinn mit eins, den Verlust aber mit vier multipliziert. Lehre Du ihn, daß es Augenblicke gibt, in denen man sein Leben und die gesamte Habe auf das kippende Brett setzen muß, und daß zu allen Zeiten diejenigen Völker aus Wirbelwind und Wogen endlich ihre Schiffe in sturmfreies Wasser brachten, die mit Verachtung der Totesnöte das Erz des Kieles durch Flut und Brandung hindurchtrieben. Mag auch die Wimper zucken und die nervigste Faust zittern, – den hohen Einsatz lohnt der hohe Gewinn!«

Konrad hielt einen Augenblick inne und neigte seinen Kopf vor, als wenn er etwas Geheimnisvolles zu sagen habe. Dann fuhr er mit veränderter Stimme, die Worte abreißend, hastig fort: