Als einige Tage darauf Gottfried das Lindengut verließ, um mit den andern Männern auszumarschieren, da traf ihn ein flehentlicher Blick, der zum Bleiben einlud. Aber ihm grauste vor diesem Blick und er wandte sich ab.
Wieder einige Tage später standen die kampfesfrohen Männer von Rehefeld in Reih und Glied eines in der Reserve gebliebenen Regiments vom Korps des Generals von Kleist. Als aber am Montag des 18. Oktober mittags 2 Uhr dieses preußische Korps von Güldengossa her den großen Bajonettangriff auf das vom Marschall Victor verteidigte Probstheida unternehmen mußte, da wurden auch die Reserven vorgezogen. Und einer der Ersten, die von den beiden verderbenspeienden Batterien am Eingang des Dorfes zerschmettert wurden, war Gottfried, der ehemalige Schützling des alten Ehepaares Honigmann, der getreue Knecht auf dem Lindengute.
20. Kapitel.
Schon seit einigen Tagen hatten die Rehefelder von Norden her Geschützdonner gehört, der bewies, daß Heeresteile der Verbündeten endlich mit französischen Truppen ins Gefecht geraten waren, die ja im großen Bogen die Ortschaften vor Leipzig besetzt hielten und sich auf einen verzweifelten Kampf eingerichtet hatten. Auch waren Fuhrleuten auf der weiten Ebene hinter dem Tanzberg fremde Reiter aufgefallen, dergleichen noch niemand gesehen hatte, und die mit ihren wilden, struppigen Gesichtern und der fabelhaften Sicherheit, mit der sie auf den kleinen, häßlichen Pferden umherjagten, einen merkwürdigen Anblick boten. Es waren dies die ersten russischen Kosaken, die in dieser Gegend auftauchten und die dort, wo sie auftrafen, stahlen und brandschatzten und sich weit ärger betrugen, als die französischen Soldaten es getan hatten.
Ferner ging ein Gerücht herum, dessen Richtigkeit sich bald herausstellte, und das die Gährung in der sächsischen Armee kennzeichnete. Man erkannte, daß die Freudigkeit, mit der diese Truppen unter den Schwingen der französischen Adler gefochten hatten, nunmehr vollständig geschwunden war, und daß die Soldaten eine Erbitterung beseelte, die den Uebergang des größten Teiles der sächsischen Armee zu den Verbündeten am Vormittag des 18. Oktober vorbereitete.
Nach dieser Kunde hatte Napoleon vor den Toren Leipzigs eine große Heerschau über seine Truppen abgehalten, an der auch die sächsischen Regimenter teilnahmen. Während die Franzosen in gewohnter Weise dem die Front abreitenden Kaiser zujubelten, empfingen ihn die Reihen der Sachsen mit eisigem Schweigen. Napoleon versammelte hierauf die Offiziere und Unteroffiziere des Korps Regnier, in dessen Verband sich die Sachsen befanden, um sich und hielt eine zündende Ansprache, deren Bedeutung durch Caulaincourts mangelhafte Verdeutschung aber verloren ging. Die Frage, ob der Kaiser in der Schlacht darauf rechnen könne, daß sie ihrem König die gelobte Treue halten würden, bejahten die Sachsen freilich einmütig. Als aber General Regnier sie um ein Zeichen der Ergebenheit bat, gingen sie, von den wütenden Blicken Napoleons begleitet, stumm auseinander. Auch der Umstand, daß während dieser Szene eine große Anzahl Soldaten für das Kreuz der Ehrenlegion aufgeschrieben wurde, machte keinen Eindruck.
Die Ortschaften nördlich Rehefeld bis über Leipzig hinaus waren mit französischen Truppen dicht belegt, und vom Schloßberg aus konnte man ihre Vorposten bei Göhren erkennen.
Die Wolken hatten nach hartnäckigem Streite mit der Sonne die Herrschaft endgültig behauptet, und als Fortsetzung des Unwetters der vergangenen Nacht begann dichter Regen zu fallen. Da fuhren gegen Mittag von Borna her etwa 10 Wagen ins Dorf, deren Beladung aus Pulver und Geschützmunition bestand. Als Begleitung dieser Kolonne waren einige französische Infanteristen mitgekommen; Mannschaften und Pferde waren furchtbar erschöpft. Deshalb beschloß der führende Offizier, im Dorfe einen längeren Halt zu machen.
Er ließ die Wagen auf dem Stoppelfelde dicht neben dem Weißen Schlosse auffahren und die Pferde in den Ställen im Dorfe unterbringen. Da es rätlich erschien, das Pulver vor dem dichten Sprühregen zu schützen, kam der Offizier, begleitet vom Ortsvorstand, auf den Freihof geritten, und bat in höflichen Worten, ihm zu diesem Zwecke den Turm des Schlosses zur Verfügung zu stellen. Max begab sich, dem eisernen Druck, der hinter dieser höflichen Aufforderung stand gehorchend, an Ort und Stelle und öffnete die große Tür, die wohl zu einer Zeit, in der das Schloß keine Belagerung mehr auszuhalten hatte, eingebaut worden war. In früheren Jahren war der weite Raum im Turme zur Aufspeicherung von Getreidevorräten benutzt worden. Jetzt stand er leer und bot genug Platz zur Unterbringung der Pulversäcke und Munitionskästen.
Stickige Moderluft empfing die Eintretenden, und mit großer Aufmerksamkeit betrachtete der Franzose die mehrere Ellen starken Mauern, an deren Festigkeit in früheren Jahrhunderten der wilde Ansturm manches Belagerers abgeprallt war.