Eine Stunde später waren die zweihundertfünfzig Zentner Pulver im Turme untergebracht, und ein vor der Tür aufgepflanzter Doppelposten bewachte die Säcke und das mörderische Blei, das dazu bestimmt war, gewiß schon am nächsten Tage seine verheerende Wirkung in die Reihen der verbündeten Truppen hineinzutragen.

In den Gemütern der Dörfler herrschte scheinbar große Ruhe. Aber wer ungesehen einen Blick in manches der Häuser hätte tun können, würde mit Staunen eine fieberhafte Tätigkeit wahrgenommen haben. Denn am übernächsten Morgen sollte der Ausmarsch stattfinden, zu dem die letzten Vorbereitungen getroffen wurden.

Das Wohl ihres Besitzes, gleichviel ob es ein Bauerngut oder ein ärmliches Häuschen war, lag den Davonziehenden am Herzen, und den Zurückbleibenden wurde noch mancher treffliche Rat erteilt und für das kommende Frühjahr manche Aufgabe übertragen.

So verstrichen die Stunden, und als am späten Nachmittag der Regen nachließ, versammelte sich eine große Anzahl Schaulustiger um die fremden Wagen, die in peinlicher Ordnung am Fuße des Schlosses standen. Viele Blicke gingen auf die Schildwachen am Turm und auf das Eingangstor: die Augen der Frauen und Kinder mit Neugierde, die der Männer mit schlecht verhehlter Erbitterung.

Kurz darnach hatte sich plötzlich die große Schankstube des Gasthofes dicht angefüllt, und laute Rufe der Entrüstung wurden dort ausgestoßen, daß man ruhig mit ansehen müsse, wie die viele Munition im Dorfe aufgespeichert werde. Niemand hatte heute ein rechtes Vergnügen am Biertrinken. Die Deckel klapperten lange nicht so laut wie sonst an Wintersonnabenden, und als die neunte Stunde herangekommen war, hatten die Letzten den Gasthof verlassen. Nur an dem Tische dicht bei der Tür saß noch ein Gast, der nachdenklich in sein halbgeleertes Bierglas schaute. Es war Johann, der Schafhirt der Gemeinde.

Vor etwa siebzehn Jahren hatten eines Tages Fuhrleute, die vom Erzgebirge herkommend ihre schweren, mit Leinen und Klöppeleien beladenen Wagen zur Neujahrsmesse nach Leipzig führten, einen vierjährigen Knaben mit ins Dorf gebracht. Sie hatten das Kind unterwegs gefunden und ein paar Tage mit sich geführt. Aber das Wetter wurde empfindlich kalt, und der nur mit einem dünnen Röckchen bekleidete Junge fror entsetzlich. Deshalb gab einer von ihnen das Kind in die Obhut einer armen Frau, mit dem Versprechen, es bei der Rückkehr wieder mitzunehmen. Die Frau nahm sich des Kleinen an, aber der Fuhrmann kam nicht wieder. Und als die Summe, die sie für das Kind bekommen hatte, zu Ende war, erklärte das Weib der Ortsobrigkeit, daß sie von dem geringen Verdienst ihres Mannes neben den vier hungrigen Mäulern ihrer eignen Kinder, nicht auch noch das des fremden Jungen stopfen könne. Daraufhin mußte wohl oder übel die Gemeinde für den Fremdling sorgen, der niemand gehörte, und von dem kein Mensch wußte, ob er Heide oder Christ war. Auch seinen Namen kannte man nicht, und da Nachforschungen keinen Erfolg hatten und aus dem, wie es schien, geistig etwas zurückgebliebenen Jungen nichts herauszubringen war, nannte man ihn Johann und gab ihn einem Bauern in Pension.

Dieser schob den Jungen nach einem Vierteljahr wieder ab, indem er ihn mit der Kleinmagd kurzerhand zum Nachbar schickte. Der Zweite verfuhr wie der Erste, und so ging Johann reihum und lernte dergestalt viele Haushaltungen kennen und viele Menschen und den Inhalt verschieden gearteter Kochtöpfe und Suppenschüsseln.

Zu Klagen bot der Bursche keinen Anlaß. Er war gutmütig und blieb ein beschränkter, einfältiger Tropf, was mit einer großen Wunde am Hinterkopfe zusammenhängen mochte, die der Junge gehabt, als ihn der fremde Mann zur einstweiligen Aufbewahrung abgegeben hatte. Nun war aber schon längst Gras über die Geschichte seines unerwarteten Auftauchens im Dorfe und über die Wunde eine dicke, rote Narbe gewachsen, vor der die strohgelben, wie Schweinsborsten in die Höhe strebenden Haare Johanns ehrerbietig Halt machten, und die den auch im übrigen keine Schönheiten aufweisenden Kopf in gleicher Weise verzierte, wie ein dicker Regenwurm einen gelben Kürbis. – Genug, Johann war niemandes Feind!

Als er ein gutgenährter Bursche von fünfzehn Jahren war, wurde er der Nachfolger des eisgrauen Schafhüters, nachdem man diesen eines Tages inmitten seiner Herde entseelt aufgefunden hatte.

Diese Rangerhöhung vom schlichten Kostgänger zum Inhaber eines unter der lieben Jugend mit Ansehen verbundenen Amtes, wurde von den sich in die Unterhaltung Johanns teilenden Bauern ungefragt gutgeheißen und von dem Erwählten selbst mit einer an ihm noch nicht gekannten Würde entgegengenommen. Denn weil der Schafhüter nicht auf Gnadenbissen angewiesen war, sondern ihm freier Unterhalt im Gemeindehause von Rechts wegen zustand, war allen geholfen. Mit der Fähigkeit, ernstlich zu arbeiten, hätte es bei ihm für alle Zeiten gehapert, aber dem Posten als Befehlshaber dieser vierbeinigen Garde war der Bursche vollauf gewachsen.