»Seht,« begann Johann von neuem und sah aufmerksam in die Flammen »warum sollte ich auch meinen Beruf mit diesem vertauschen? Tät’ ichs, so würden mich selbst die ärgsten Spitzbuben verachten, daß ich den Stand derjenigen so tief herabsetze, die sich freiwillig oder gezwungen dazu hergeben, die nun einmal vorhandenen Gefangenhäuser zu bevölkern. Und ein rechtschaffener Bettler würde lieber einem armen Mann sein letztes Huhn stehlen, als daß er auf das Klimpern des Sündenlohnes in meiner Tasche hin die Hand hohl machte. Lieber bleibe ich also Knecht.«

»Ich merk’s, Du bist ein Galgenvogel,« unterbrach der Fuhrmann den Sprecher, »aber fahr fort in Deiner Rede.«

Johann ließ sich durch den Einwurf nicht beirren, sondern begann von neuem und recht geheimnisvoll:

»Ich sagte, ich sei ein Knecht? Das ist eigentlich nicht richtig, denn niemand darf sich so frei fühlen, wie ich es bin. Die Arbeit ist ein Joch, das den Menschen auf eine Stufe mit dem Stier stellt, der neben dem Pferd vor dem Pfluge einhergeht. Die Arbeit macht den Menschen häßlich, zeichnet ihm harte Linien ins Gesicht, verdirbt seine gerade Haltung und den leichten Gang und schafft grobe Hände. Und warum lassen die Menschen trotz alledem und alledem nicht von ihr ab? Weil mit der Arbeit die Sucht nach dem Gewinn in das Herz einzieht! Hat die Arbeit dem Menschen erst einmal so viel eingebracht, was dem Wert eines Stückchens Fingernagel gleichkommt, wie man sich’s täglich abbeißt, dann hat auch schon der böse Geist die arme Seele gepackt, und sie verzehrt sich vor Sehnsucht nach immer reicherem Gewinn. Und wo ist die Grenze, an der angekommen der Mensch aufhörte zu streben und aufhörte auf mehr zu hoffen? Es gibt keine! Und darum sage ich: in der Arbeit sitzt der Teufel!«

»Hm,« begann der Fuhrmann zögernd, »meine Mutter sprach vor vielen Jahren freilich anders, doch war sie eine einfache, ungelehrte Frau, und zudem war damals die Einsicht noch nicht so tief in das Volk eingedrungen wie heutzutage. Doch erzähle weiter, mir sprichst Du jedenfalls aus der Seele.«

»Seht mich an,« fuhr der Schafhirt fort, »wie reich ich bin! Und doch hasse ich die Arbeit und gebe mich nie dazu her. Frühmorgens, mit dem ersten Sonnenstrahl, springe ich vom Lager auf und treibe meine Herde hinaus auf die grünen Fluren. Dort bin ich mit den Tieren allein in traulicher Einsamkeit, die kein lästiger Mensch stört. Ein Teil der Herde grast, ein anderer steht um mich herum und hört mir zu, wie ich auf meiner Schalmei blase, derweilen der wachsame Spitz die Tiere bellend umkreist. Ich habe nur nötig, hierhin zu gehen, gleich folgt mir alles nach, meine Schritte dorthin zu lenken, um die Schar wieder zur Umkehr zu bringen. Sie sind meine Untertanen, und ich bin ihr König. Der Himmel ist mein Baldachin, der moosgeschwellte, blumige Sitz mein Thron, und die Hirtenpfeife ist mein Zepter. Sagt, kann man mich hiernach noch einen Knecht nennen?«

»Du hast Dir jedenfalls ein Metier erwählt, das für Dich paßt,« antwortete der Fuhrmann, ohne des Schafhirten Frage zu beachten. »Für mich wäre es aber nichts, denn mich würde schon am ersten Tage die Langweile mit Stumpf und Stiel auffressen. Du bist ein Träumer, ich hingegen bin ein ruheloser Stürmer, ein Reptil mit hundert Gelenken, die sich unaufhörlich bewegen. Nun hör mich an, und sage mir, wie Dir mein Leben gefällt, das ebenso ruhelos ist und reich an wilden Szenen, wie Deine Tage ohne Aufregung und in ihrer Gleichförmigkeit zermalmend dahinfließen.

Wir Fuhrleute sind ein rauhes, liederliches Volk und fürchten Gott und den Teufel nicht. Wir vom Troß der Armee haben das bessere Teil erwählt. Denn während vorn zerrissene Leiber auf den Rasen stürzen, befinden wir uns weit hinten allen Gefahren für Leib und Leben entrückt und spielen unterdessen Meister und Sieger. Und zu alledem sind wir ein unentbehrlicher Teil des Ganzen, wichtiger zuweilen, als die Hälfte der Streitmacht und von dieser hochgeschätzt und immer gern gesehen. Keine Schlacht kann ohne uns geschlagen werden, denn wir schaffen ihnen das mordgierige Blei und das Pulver herbei, und was frommte dem Heere der schönste Sieg, wenn nach der Schlacht unsere Räder den Erschöpften und Hungrigen nicht die gehörige Atzung zuführten! Heute hier, morgen dort, einmal im Überfluß, dann wieder darbend, das was begehrlich erscheint entweder durch Bitten und Versprechungen willfährig machend – betörend, oder mit herzhaftem Griff an sich reißend, um es nach dem Genusse wieder wegzuwerfen – –, so treiben wir im Regen und Sonnenschein, jahraus jahrein, bergauf talab singend und peitschenknallend unsere Pferde durch die Welt, wir, die Männer der Straßen!«

»Sagt doch einmal,« warf Johann eingeschüchtert ein, »Ihr seid Eurer Sprache nach ein Deutscher. Wie kommt es denn nun, daß Ihr gerade den Franzosen Pulver und Blei nachfahrt? Sie benutzen es doch nur dazu, um Eure Landsleute damit zu verderben. Der Rabensteiner hat gesagt, es dürfe kein deutscher Mann den Feinden des Vaterlandes dienen.«

»Ach was, Firlefanz,« antwortete der Fuhrmann, »ich gehe mit dem, der am besten zahlt. Und dann, Bursche, ist es doch mehr Ehre den siegreichen Heeren des großen Franzosenkaisers hinterdrein zu ziehen, als beispielsweise den preußischen Regimentern, die doch in der Mehrzahl nur aus zusammengelaufenem Pack bestehen.«