»Ja, aber der Rabensteiner hat gesagt,« erwiderte Johann halsstarrig, »daß – – –«

»Hol Dich der Henker mit Deinem verdammten Rabensteiner,« schrie der Fuhrmann auf und spuckte zornig ins Feuer, »sorg lieber dafür, daß Du Dir einstmals eine bessere Gruft ausgesucht hast, als sie Dir der Rabenstein bietet. Was schiert mich das Vaterland! Heute hier, morgen dort. Wo man trinkt und liebt ist mein Vaterland!«

Er stopfte aus einer getrockneten Schweinsblase neuen Tabak in seine Pfeife, zündete sie an und stieß den Rauch in mächtigen Wolken aus dem Munde. Dann begann er wieder:

»Du vorwitziger Gelbschnabel hast eben nicht den leisesten Begriff, wie lustig das Leben unter den Flügeln der siegreichen Adler ist. Laß Dir davon erzählen. Übrigens wirst Du wohl vom Hörensagen wissen, daß es gerade bei den Preußen nicht in Saus und Braus hergeht!

Tagelang sehen wir von der Armee kein Käppi und schalten nach unserm eignen Willen. Den Bauer machen wir willfährig und zwingen ihn, die fetteste Sau im Stalle zu einem Frühstück für uns abzustechen. Rauben dürfen wir beileibe nicht, aber, wie’s so kommt, etwas bleibt immer an den allzeit klebrigen Fingern hängen. Und köstlichen Spaß gibt’s bisweilen auch. Merk auf, Bursche!

Im verflossenen Monat war’s, da zogen wir in langsamen Märschen mit schwerbeladenen Proviantwagen durch thüringisches Gebiet. Der Tag war heiß, denn die Septembersonne brannte seit dem frühen Morgen recht empfindlich auf uns hernieder. Der Weg wurde uns sauer, und wir hatten noch weit bis ins nächste Dorf. Da tauchte ein einzelnes Bauernhaus auf, das unsern Blicken bisher durch eine Waldecke verborgen geblieben war. Erschöpft kamen wir an und wetterten nach Speis’ und Trank. Im nächsten Augenblick erschien eine runzlige, alte Vettel auf der Haustürschwelle, die heulend versicherte, daß die Soldaten all ihre bewegliche Habe zerstört oder mitgenommen hätten, und sie den vorangezogenen Fuhrleuten die letzten Kartoffeln hätte geben müssen, von denen sie sich selbst das Mittagsmahl bereiten wollte.

Ich sah durch das Fenster in die Stube und erkannte sofort, daß in diesem Hause nichts mehr zu holen war, in dem selbst die Mäuse, statt Futter zu finden, sich nur Blutblasen an die Pfoten gelaufen haben würden.

Ich war erbost, denn mich plagte Hunger und Durst. Da kam mir mit einem Male ein köstlicher Gedanke: sollen wir hier nichts bekommen, so müssen wir doch unsern Spaß haben! Ich raun’ meinem Kameraden ein paar Worte zu, daß er laut auflacht. Aber schon bin ich entschlossen und mach’s kurz. Mit festem Griff fasse ich die zaundürre Hexe trotz allen Keifens und Widerstrebens um den Leib, und hoppdihopp, sitzt sie rittlings auf dem breiten Rücken des Handpferdes. Starr vor Schrecken klemmt sie auf dem Gaul wie eine Wäscheklammer auf der Leine und rührt sich nicht. Da fliegt, wie aus der Kanone geschossen, der Bauer aus dem Hause heraus, der die unfreiwillige Prüfung seines Ehegespons auf ihre Reitfertigkeit wahrscheinlich schon von drinnen beobachtet hatte. Seine spärlichen, weißen Haare hingen wirr um den kahlen Schädel, und während ich auf den Bock gesprungen war, hob er die Hände zu mir empor und wimmerte wie eine sterbende Katze um sein Weib. Ich aber treibe die Pferde an; – er greift nach den Zügeln, um die Gäule zurückzuhalten. Da habe ich auch schon den blanken Säbel in der Hand und lasse die flache Klinge auf seine Arme niederfallen.

Wie Schilfrohr knickte der morsche Röhrenknochen des fleischlosen rechten Unterarmes um und hing zu Boden, wie ein zerbrochener Rührlöffel. Ich schlage kräftig auf die Pferde ein, daß die wahrscheinlich von der Peitsche getroffene Alte heulend in die Höhe fährt, und in rascher Bewegung rollt der Wagen die Straße entlang. Da kommt wieder Leben in den in wunderlicher Haltung auf dem Pferde hockenden Reiter, und bald flehend, bald zischend vor Galle begehrt die Bäuerin, sie herunterzulassen.

Es war ein ausgezeichneter Spaß, der uns über Hunger und Durst reichlich hinwegtröstete. Etwa zwei Stunden führten wir das Weibsbild hoch zu Roß mit uns. Dann kam ein französischer Offizier angeritten, der uns das Pläsier verbot und die Alte unnützerweise durch ein des Weges kommendes Gespann wieder zurückbringen ließ.