Ein paar Tage später bin ich in Verlegenheit. Meine Sacktücher sind zu Ende gegangen, weshalb ich genötigt bin, den Schweiß immerzu mit dem Rockärmel von der Stirn zu wischen, und meine Füße steckten barfuß in den Stiefeln. Da halte ich in einem elenden Dorfe vor einem niedrigen Hause, in dem sich, wie es schien, keine lebende Seele befand. Ich zweifelte, ob da drinnen für mich etwas sein könne, gehe aber doch hinein.

Die vordere Tür im Hausflur war verschlossen. Ich öffne die hintere und komme in eine sehr ärmlich aussehende Küche. Wie ich aber auf die Türschwelle trete, da frohlockt’s in mir, denn eine Anzahl bunter und weißer Leinwandstücke liegt auf dem Tische durcheinander. Das war’s ja gerade, was ich suchte. Ich eile also darauf zu und fange an, den Vorrat hurtig im meine Taschen zu stopfen. Da höre ich heftiges Atmen und wie ich mich umwende, sehe ich in einem Bett eine junge Frau liegen. Mit fliegenden Worten beschwört sie mich, davon abzustehen. Sie sei seit gestern Mutter und die Leinwand wäre zu Hemden und Windeln für den um einen ganzen Monat zu früh erschienenen Erdenbürger bestimmt. Die Nachbarin wäre soeben noch bei ihr gewesen und sei nur für kurze Zeit fortgegangen, um nach den eigenen Kindern zu sehen.

Ich aber überlege nicht lange. Meine Not ist groß, und der Säugling mag sehen wo er bleibt. Ich kehre mich also nicht an das Rufen der Mutter, sondern raffe zusammen was ich bekomme. Ihr Geschrei wird aber ärger, und ich bin besorgt, daß man sie auf der Straße hören könne. Nun weiß ich aber, wie schwer es ist, einem zeternden Frauenzimmer mit Erfolg das Maul zu verbieten. Da fällt mein Blick auf den Ofen, ein zweiter auf das trinkende Kind an ihrer Brust. Ich springe hinzu, reiße ihr die hungrige Brut weg und lege sie dicht vor dem Tische auf den Fußboden nieder. Dann ziehe ich den eisernen Topf mit kochendem Wasser aus der Röhre und setze ihn so auf die Kante des Tisches, daß er beständig zwischen Stehenbleiben und Umkippen schwankt und suche mir nunmehr in aller Gemütsruhe die besten Leinenstücke aus. Das dünne Zeug werfe ich zurück, da es mir nicht viel nützen konnte.

Du hättest sehen sollen, Junge, wie jetzt das Weib schwieg, denn ein kleiner Stoß von mir an den Tisch hätte den Topf zum Umkippen gebracht, – – und darunter lag der schmatzende, quäkende Wurm.

Der Mutter hatte der Schrecken gewaltig eingeheizt. Ihr Gesicht war grau geworden und mit kreisrunden Augen und ohne alle Bewegung schaute sie auf ihr Junges, als wenn es von ihrer ruhigen Haltung abhinge, daß der unaufhörlich schwankende Topf stehen bleibe.

Als ich dann von der Straße neugierig durch das Fenster schaute, sah ich, wie das Weib wie eine aufgezogene Puppe zum Ofen ging, das Kind aufhob und gleich darauf mit ihm umfiel.«

Der Fuhrmann brach hier kurz ab und blickte erstaunt auf den neben ihm Sitzenden. Johann war zusammengesunken, seine Augen waren starr vor sich niedergerichtet und die Zähne fest aufeinandergebissen. Der Körper des jungen Mannes bebte, und es kostete ihm sichtlich viel Mühe, ruhig zu bleiben.

Da stieß der Fuhrmann mit einem wilden Fluche den Säbel auf den Boden, daß das Eisen klirrte und sagte drohend, aber mit gewaltsam gedämpfter Stimme:

»Du gefällst mir nicht, Bursche! Bringe mich nicht in Versuchung, mit dem Korb meines Säbels Dir Deinen windschiefen Hirnkasten einzuschlagen!«

Bei diesen Worten kam Johann rasch die Ueberlegung zurück. Die tierische Wut, die den seine Leidenschaften nicht beherrschenden, geistesschwachen Jüngling während der letzten Worte der Erzählung des Fuhrmanns so urplötzlich gepackt hatte, wich von ihm und die Besinnung kam wieder. Er hatte sich in seinen Plan so verbissen, daß der Gedanke an die Möglichkeit des Scheiterns alle andern Regungen in seiner Seele zum Schweigen brachte.