»Merk auf, junger Mann. Ich werde Dir meinen Lebensgang erzählen, und Du sollst urteilen. Kannst Du aber, wenn ich geendet, für das Bestehen der Gottheit noch sprechen, dann werfe ich mich freiwillig in die Flammen dieses Feuers. – Ich bin im Bayrischen geboren. Meine Kindheit gestaltete sich so tieftraurig, daß ich ihrer nur mit Wehmut gedenken kann. So viel wie andere Kinder gespielt und gelacht haben, habe ich geweint. Alle im Hause schalten und schlugen mich, und wer an mir vorüberging, stieß heimlich nach mir. Mein Vater war ein Hund! Väter, die ihre Kinder, noch bevor sie geboren sind, im Stich lassen, sind immer Hunde. Mag der gräßlichste Tod für ihn bestimmt sein und er jahrelang sterben!

Meine Mutter war ein engelgutes, schüchternes Wesen von schwachem Körper. Sie litt unsägliche Qualen unter den täglichen Boshaftigkeiten ihrer lieben Verwandten, auf deren Hilfe sie leider angewiesen war. Ihr ganzes Glück war ich, und ich entsinne mich noch recht lebendig, wie inbrünstig sie mich als Knaben manche Nacht im Bette an sich drückte, wobei die bittersten Tränen aus ihren Augen auf mein Gesicht niedertropften. Zum Glück starb sie bald, und ich verließ kurz darauf die Gegend und ließ mich nach manchen ziellosen Wanderungen im sächsischen Erzgebirge nieder. Dort erlernte ich die Klöppelei und war in wenigen Jahren ein sehr geübter Arbeiter, dessen Erzeugnisse ob ihrer Feinheit und Sauberkeit geschätzt wurden. Ich war fleißig und sparsam und brachte mir eine hübsche Summe Geldes auf die Seite. Ich war auch angesehen und geachtet, – aber glücklich war ich nicht! Der Stachel, der in der Kindheit in mein Herz getrieben wurde, besaß einen starken Widerhaken und verhinderte, daß wahre Zufriedenheit über mich kam. Auch fromm bin ich zu dieser Zeit gewesen und an keinem Abend schlief ich ein, ohne das Kindergebet gesprochen zu haben, wie es mich meine Mutter gelehrt hatte.

Da lernte ich ein armes Mädchen kennen, das aus Böhmen eingewandert war. Nach kurzer Zeit gestanden wir uns unsere gegenseitige Liebe und heirateten bald darauf. Meine Freude war unbeschreiblich und mir war von dieser Stunde an die Brust mit reinem, innigem Glück erfüllt, das die traurigen Erinnerungen an die Kindheit langsam aus der Seele verdrängte.

Wir erstanden etwas abseits vom Dorfe, dicht an der Landstraße ein kleines Häuschen, mit schmuckem Garten und einem ansehnlichen Hühnervolk und lebten so zufrieden, daß wir unser Glück gegen alle Schätze der Welt nicht eingetauscht hätten. Mein junges Weib war heitern Gemüts, das mich ernst Veranlagten fröhlich machte. Durch das Haus und den Garten scholl ihre Stimme und ihr lustiges Lachen. Ihre Lippen waren voll und kirschrot, und ihre dicken, dunkeln Zöpfe trug sie auf dem Kopfe wie eine Krone. Das herrlichste an ihr aber waren die pechschwarzen Augen, aus denen Freude und Lebenslust blitzten und die in mir die ungeheure Glut entfacht hatten.

Und als nach Jahresfrist uns in einer weichen Sommernacht ein Sohn geboren wurde, da stand ich wunschlos auf dieser Welt. Ich mußte allein sein mit meinem Glück. Leise verließ ich mein schlafendes Weib auf kurze Zeit, ging ins Freie und brach in reichfließende Tränen der Freude aus. Nicht mehr Herr meiner Gefühle, sank ich in die Knie und lehnte den Kopf an die Hinterwand meines Hauses. Ich dankte Gott für die Fülle seiner Gaben und gedachte in unendlicher Liebe meiner verstorbenen Mutter. Auf das kleine Haus, das meine Teuern barg, hatte sich das Glück herabgesenkt, das zwei wackere Helfer geschmiedet hatten: Arbeit und Liebe. Die sturmfesten Stützen des schirmenden Daches verdankte ich dem Ertrage meiner Hände Arbeit, und das was den Eingang treulich hütete und den Glanz im Innern bereitete, war die Liebe.«

Hier unterbrach der Fuhrmann seine Erzählung. Noch immer war der Mond von Wolken umlagert. Der Wind hatte sich etwas erhoben und blies in das Feuer, daß die Flammen seitwärts schlugen. Durch die Postenkette ging einer der Fuhrleute, der von der am nächsten stehenden Schildwache an der Straße angerufen wurde. Der Wind trug leise den Klang der Worte herüber, die gewechselt wurden.

»Parole?« tönte die Frage, und »Jena!« lautete die gedämpfte Antwort.

Jetzt wandte sich der Erzähler wieder zu dem Schafhirten und fuhr fort:

»Die Schwäche meiner Frau war ihre Putzsucht. Sie liebte es, sich mit bunten Flicken zu schmücken und konnte lange die Wirkung solchen Aufputzes im Spiegel betrachten. Ich habe sie nie darum gescholten, denn Eitelkeit ist die Zwillingsschwester der Keuschheit. Ich war froh darüber, daß sie sich solch harmlose Freude bereitete, denn unser Leben floß recht ruhig dahin. Bisweilen hatte ich aber die Empfindung, daß Franziska ihrer Schwäche manchen Groschen opferte, der bei unsern knappen Mitteln besser für etwas Anderes ausgegeben worden wäre.

Fünf Jahre waren seit unserer Verheiratung verstrichen, als mich eines Sonntags auf dem Heimwege vom Kirchgang mein Nachbar Werner am Arm nahm und mir verstohlen zuraunte: