»Laurentius, gib Acht auf Dein Weib!«

Ich war so überrascht und erzürnt durch diese Worte, daß ich den Sprecher am liebsten ins Gesicht geschlagen hätte, wen mir nicht alsbald das Bewußtsein gekommen wäre, daß Werner, wenn er auch nur ein armer Weber war, das größte Vertrauen von jedem im Dorfe genoß. Fassungslos starrte ich ihm in die Augen um darin zu lesen, ob er sich einen grausamen Scherz bereite, oder ob er so schlecht wäre, Mißtrauen in mir gegen mein reines Weib zu erwecken.

Je länger ich ihn aber anschaute, umso eindringlicher kam mir die Überzeugung, daß dieses in Ehren ergraute Haupt keine schlimme Tat auf sich laden könne, und ich wurde verwirrt unter dem wohlmeinenden Blick dieser ehrlichen Augen. Wie ein Rasender stürmte ich nach meinem Hause.

Da sah ich von der Schwelle aus ein liebliches Bild: Franziska hielt den Knaben fest in ihren Armen, jauchzte vor Freude und küßte wieder und immer wieder das lächelnde Kind. Noch nie war mir ihr wohlgebildeter, schmiegsamer Leib so lebensfrisch und anziehend erschienen, und niemals hatte das Mutterglück ihr Gesicht so verklärt, wie in diesem Augenblick. Eine warme Welle trieb mir zum Herzen, und ich bat ihr im Stillen das bittere Unrecht ab, das ich ihr getan und entschuldigte Nachbar Werners Verdacht mit unseligem Irrtum.

Wenn mir nun auch manches aus den letzten Wochen an Franziska ungewohnt erschien, so fühlte ich doch im innersten Herzen, daß eins geblieben war: die Liebe zu mir und dem Kinde. Mochte sie mit ihrer Schwäche auch manchmal Ursache zu Gerede unter den Leuten geben, im Grunde war es doch etwas anderes, das diesen Menschen die Zungen schärfte: sie gönnten mir mein Weib und mein friedliches Heim nicht. Gerüchte tauchen plötzlich auf und zerflattern wieder wie Sternschnuppen, und der Mann hat sein Weib nie geliebt, den die erste Warnung wider sie in Harnisch bringt! – Aber ich nahm mir vor, auf die Eindämmung ihrer immer mehr wachsenden Gefallsucht ernst hinzuarbeiten.

Der Herbst war ins Land gekommen, und bald fegten die ersten winterlichen Schauer über die verödeten Fluren. Es war Sonnabend und ich war, wie ich es an diesem Tage immer zu tun pflegte, nach dem zwei Stunden entfernten Annaberg gegangen, um meine Arbeit der Woche abzuliefern. Hierbei war ich länger als sonst aufgehalten worden und besorgte deshalb rasch die gewohnten Einkäufe. Wohlgemut schritt ich auf der Landstraße hin, mein Bündel im Arm und die Gedanken daheim bei meinen Lieben.

Es war kurz vor der Dämmerung, als ich durch ein Dorf kam, das gerade auf der Hälfte des Weges lag. Da sehe ich drüben am Mühlgraben Menschen zusammenlaufen. Ich eile hinüber, um nach der Ursache des Geschreis zu fragen. Kaum aber bin ich dort angekommen, gewahre ich einen etwa achtjährigen Knaben in den Fluten des breiten Grabens, den die Wasser im Wechsel niedertauchen und dann wieder auf kurze Zeit an die Oberfläche heraufbringen. Der Kleine zappelte und sträubte sich herzhaft gegen das tückische Element. Aber es war umsonst, daß das bedrohte Leben sich der gefährlichen Umarmung zu entziehen versuchte. Nach ein paarmal Untertauchen würde der Knabe nicht wieder heraufkommen, und dann nahm ihn der stille, schwarze Teich auf und bettete den kleinen Leichnam in seinen tiefen, weichen Schlamm. Wohl hatte der Gedanke meine Seele durchzuckt, hineinzuspringen und den Versuch zu machen, den Ertrinkenden zu retten. Aber dieser Versuch mußte aller Wahrscheinlichkeit nach mit dem Leben gebüßt werden, denn das Wasser war übermannstief, ich war des Schwimmens nicht kundig, und die Wirbel hätten meinen schweren Körper viel eher hinabgezogen wie den leichten Knaben. Zudem hatte man ja selbst Weib und Kind daheim, die ihres Ernährers harrten – – und ich wandte mich ab.

Da zerriß der wilde Wehruf eines Weibes die Luft: »Mein Kind! Um Gotteswillen, mein einziges Kind!««

Der Fuhrmann hielt eine Sekunde in der Erzählung inne, so mächtig packte ihn die Erinnerung. Dann fuhr er fort:

»Der Klang dieser Worte drang mir ins Herz wie glühender Stahl. Ruhig, aber schnell wie das Aufleuchten des Sonnenlichts zwischen dunkeln Wolken, stellte ich mir vor: – wenn dieses verzweifelte Weib Deine Mutter, der Kämpfende Dein Bruder wäre! Dieser Gedanke ließ die Bedenken gegen den, das eigene Leben gefährdenden Versuch der Rettung verblassen. Dann wieder drang es auf mich ein: – wie nun, wenn dies Dein geliebtes Kind wäre …! und es schien mir, als wenn plötzlich mein Herzschlag stocke. – Was aber würdest Du tun, schrie es mir wild ins Ohr, wenn Dein Weib hier stünde und in tödlicher Angst nach einem Retter riefe …!