»Platz da!« schrie ich mit dem ganzen Aufgebot meiner Stimme und drängte mich wieder zum Rande des Grabens. Die Menschen wichen zurück, Mütze und Rock flogen zur Erde, und dann sprang ich kopfüber in die eisige Flut. Die plötzliche Kälte raubte mir den Atem, die Wasser rissen mich mit sich fort, und die Todesnähe hemmte mir die ruhige Ueberlegung. Zweimal schlägt es über mir zusammen, dann komme ich herauf und tue instinktiv wieder einen tiefen Atemzug, – von neuem umfängt mich die Finsternis, und wieder unterscheidet endlich mein Auge in der Dämmerung verschwommen die Gestalten der Menschen am Ufer. Da streift die Hand einen Körper. Ich erkenne den Knaben, packe fest zu, und die Wirbel reißen mich zum letzten Male hinunter. Mit der Verzweiflung des Ertrinkenden halte ich mich und den Knaben darauf eine kurze Weile über Wasser und ergreife dann die mir entgegengehaltene Stange, an der wir ans Ufer gezogen werden.

Während die Menge Knaben und Mutter umgibt, werfe ich flugs mein Gewand über und mache mich auf und davon. Noch höre ich die jubelnden Worte: er lebt, er hat die Augen aufgeschlagen? Ich aber wickle mich, so gut es eben geht, in meinen dünnen Rock und laufe, als wenn der Böse hinter mir wäre. Endlich komme ich an meinem Hause an, die Glieder fast erstarrt vor Kälte.

Doch, was ist das? Kein Licht? Mein Weib empfängt mich nicht? – Sie ist ausgegangen! – Aber wohin? Warum? Jetzt zu dieser Zeit pflegt sie doch niemals das Haus zu verlassen! Die vordere Haustür ist verschlossen. Ich klinke die Hintertür auf und trete ein.

»Franziska!« rufe ich, »Fränzchen, mein liebes Fränzchen, ich bin wieder da – –!« klingt mein angstvoller Ruf aus dem plötzlich bebenden Munde. – Nichts rührt sich, niemand antwortet mir. Ich stolpere nach der Stube und mache mit zitternden Händen Licht. Und wie der schwache Schein der Kerze den Raum erhellt, sehe ich ringsum eine Verwüstung, als wenn Räuber darin gehaust hätten. Alle Schubfächer der Kommode, des Tisches sind geöffnet; der Deckel der großen Lade ist zurückgeschlagen und der Inhalt auf dem Fußboden ausgebreitet. Weiße und rote Gewänder, bunte Stoffe und Schürzen, aufgerollte Bänder, künstliche Rosen und Jasmin wild durcheinander. Sind das alles Kleider von Franziska? denke ich. Da erscheint mir dies und jenes bekannt, manches davon aber hatte sie mir verborgen gehalten. Meine Gedanken werden wirr. Was um Christiwillen bedeutet das, und wo ist dein Weib?

Indem fällt mein Blick auf ein Stück Papier, das neben dem Leuchter auf dem Tische liegt. Ich hatte das Gefühl, als wenn mir das Herz still stehe, nehme den Zettel in die Hand und lese bei dem flackernden Kerzenscheine:

Lieber Laurenz! Du mußt mich gehen lassen und darfst mir nicht böse sein. Du bist ein herzensguter Mann, aber ich würde sterben bei diesem Leben. Ich habe mich jahrelang beherrscht und wollte meinen leichten Sinn unterdrücken, aber meine Kraft reichte dazu nicht aus. Ich habe, bevor Du mich kanntest, trotz meiner Jugend schon lustig in den Tag hineingelebt und kehre nun wieder zu diesem Leben zurück. Vier Jahre lang habe ich Dir die Treue gehalten, seit ein paar Monaten aber bin ich des Nachts manchmal aus dem Haus geschlichen, wenn Du von der Arbeit ermüdet fest schliefst. Das Glück und die Ruhe in Deinem Hause würden mich noch töten. Mich verlangt’s nach Freiheit und wirbelndem Tanz!

Leb’ wohl und küsse unser Kind, das Du gewiß zu einem guten Menschen erziehen wirst.

Franziska.

Den Zettel in den wie vom Starrkrampf zusammengepreßten Fingern festhaltend, sank ich neben dem Tische nieder. Das Schicksal hatte mich an der Wurzel allen Lebens getroffen. Mechanisch glitten meine Hände über die bunten und weichen Stoffe, die ich streichelte wie ein Kind sein liebstes Spielzeug. Da vernehme ich hinter mir ein leises Geräusch und erkenne im Halbdunkel mein Kind, das vom Schlummer erwacht ist, sich erhebt und noch schlaftrunken lächelnd sich mir nähert. In diesem Augenblick vollzieht die Natur in meinem Innern einen urplötzlichen Umsturz. Gutes verwandelt sich in Böses, Weichherzigkeit in Grausamkeit und Gelassenheit in wilde Wut. Ich will gegen das Schicksal wüten, und – wende mich gegen meinen Knaben. Ein Stück von diesem verruchten Weibe! ruft eine Stimme in mir, und die wilden Flammen des Zornes schlagen hochauf und stürzen mich in Raserei.

Ich springe in die Höhe, – da hält der Knabe den Schritt an. Sein leuchtendes Auge verliert den Glanz vor dem Ausdruck im Gesichte seines Vaters. Angstvoll wendet er sich ab, um davonzueilen, – da trifft ihn ein fürchterlicher Fußtritt, der den Körper des Kindes wie einen Ball fortwirft bis hin zum Ofen, auf dessen steinernem Untersatze der Kopf dumpf aufschlägt.