Einen Augenblick sehe ich auf den Knaben mit der blutenden Wunde am Hinterkopfe, dann packen mich alle bösen Geister. Ich reiße die Kerze vom Tische, springe hierhin, dorthin und entzünde alles was brennbar ist in der Stube. Schon lodern die gefräßigen Flammen neben mir empor und lecken an mir hinauf, und ich prüfe, welches der feurigste Herd ist, daß ich ihn zu meinem Ruhbett erwähle, – – da kommt der Dämon der Feigheit über mich! Ich stürze durch Qualm und Glut und wie ich meine Sinne wiederfinde, hocke ich draußen auf der Straße im Graben und schaue auf mein Haus, aus dessen Fenstern dichter Rauch und Flammen herausschlagen. Auf der Straße aber höre ich schwere Wagen daherrollen, dazu die lauten Stimmen der Fuhrleute. Schon hat der Vorderste von ihnen die Feuersäule entdeckt, läßt die Pferde im Stich und eilt auf das Haus zu. Ich aber drehe mich um und jage wie von Furien gepeitscht über die Stoppeln. Und seit dieser Stunde bin ich der, der ich bin!«

Der Fuhrmann hatte seine Erzählung beendet und sah gedankenvoll in die hüpfenden, niedrigen Flammen des Feuers.

»Mein Haus ist zerstört,« sagte er langsam, »und mein Sohn verbrannt und unter den Trümmern begraben. Ich bin bereit jede Vergeltung für meine Tat zu tragen. Und doch, – zehn Jahre meines Lebens und diese meine Rechte gäbe ich darum, wenn ich die Tat ungeschehen machen könnte – –«

Einige Minuten verstrichen. Da ergriff der Fuhrmann den Baumstamm und stieß ihn mit solcher Kraft zwischen die schwelenden Scheite, daß die glühenden Funken knisternd hochaufsprühten.

»So, Du Großmaul« schrie er Johann zu, »willst Du es jetzt noch sagen: es gibt einen Gott?«

Der Angesprochene aber vernahm diese Worte nicht. Wie ein Steinbild saß er auf dem Grabenrand und hielt die Augen halb geschlossen. Die nächste Umgebung entwich dem Kreis seiner Gedanken, aber die bis zu dieser Stunde in engen Banden gehaltene Kraft der Erinnerung befreite sich mit einem einzigen Kraftausbruch von ihren bisherigen Fesseln, und sein Geist eilte zurück bis in seine Kindheit. Vor seiner Seele stieg das Bild eines jungen Weibes herauf mit roten, schwellenden Lippen, tiefdunkeln Augen und einem Kranze glatter Flechten, die wie eine Krone auf der Stirn ruhten. Auch den Klang ihrer fröhlichen Lieder vernahm er und er fühlte deutlich, wie die roten Lippen seinen Mund küßten. Neben diesem Bilde malte die Erinnerung mit zauberhafter Deutlichkeit das eines Mannes mit ernsten Zügen, dessen Augen voll Liebe und unaussprechlichem Glück auf das Kind gerichtet waren. Mit wunderbarer Schärfe traten noch andere glückliche Erinnerungen an die Kindheit aus dem bisher undurchdringlichen Dunkel heraus, bis zuletzt der düstere Anblick der Stube im elterlichen Hause im Scheine einer Wachskerze heraufstieg, und ihn aus einem entstellten Männerantlitz zwei drohende Augen trafen – – –

Der Schafhirt sprang in die Höhe und taumelte wie ein Berauschter ein paar Schritte zur Seite.

»Haha,« lachte der Fuhrmann, »nicht wahr, mein Bürschchen, jetzt ist Dir der Appetit zum beten vergangen?«

Da warf der Schafhirt dem Manne einen langen Blick zu, als wenn er diesen Anblick mit dem Bilde in seiner Seele vergleichen wolle, – und er wandte langsam die Augen ab. Mechanisch kehrte er sich um und ging schwerfällig auf dem Wege weiter, der zum Turm führte.

»Heh!« rief der Fuhrmann dem Jüngling zu, »dort habt Ihr nichts zu suchen. Geht links hinüber, sage ich Euch!«