Aber schon trugen den Schafhirten die Füße nicht mehr weiter. Er strauchelte und fiel neben dem Wege zwischen die blätterlosen Ruten eines Haselnußstrauches. Und dann glitten seine Hände zuckend über den Boden, und die starren Finger krampften sich hinein, als wenn ein Schwindelnder Halt sucht, und den Mund preßte er fest auf Erde und Moos, um das wilde Schluchzen zu ersticken, das ihm das Herz schier zersprengen wollte.

22. Kapitel.

Vor der schmalen Eingangstür des Pulverturmes, mit dem Rücken gegen das Mauerwerk, standen in dunkler Nacht zwei Schildwachen in eifrigem Gespräch. Der eine der Männer mochte fünfundvierzig Jahre zählen und war hochgewachsen und breitschulterig. Sein verwettertes Gesicht mit den klugen und ausdrucksvollen Zügen erhielt durch den den Mund vollständig bedeckenden, buschigen Schnauzbart, dessen lange Spitzen wie die Kiele starker Rabenfedern von der Oberlippe abstanden, einen Stich ins Martialische. Wie selten auf einem Antlitz, war auf diesem die stärkste Charaktereigenschaft seines Trägers scharf ausgeprägt, denn die blitzenden Augen und die scharfgekrümmte, starke Adlernase verrieten eine außergewöhnliche Kühnheit. Er trug die Uniform der Alten Garde, und seine Brust war mit zahlreichen Kriegsmedaillen und Kreuzen geschmückt.

Der andere der beiden Männer war ein blutjunges, schmächtiges Bürschlein mit bleichem und schmalem Gesicht.

»Ich sage Dir,« sprach mit tiefer Stimme der alte Gardist, »Du hast ein Leben begonnen, das reich an Ehren ist. Der Ruhm, der sich an den Flug der Kaiserlichen Adler heftet, berauscht alle bis auf den letzten Soldaten seiner Armee und bewirkt, daß sich Alter und Jugend, Vornehm und Niedrig willig ihm beugen. Das Schicksal hat uns wunderbar zusammengeführt: ihn, den Kriegsgott und uns, die Söhne der großen Nation! Ein bedeutsamer Sieg steht uns bevor; die Kanonen, die Du heute hörtest, verkündeten aufs neue seine Unsterblichkeit. Leipzig müssen wir gewinnen, mein Sohn, und wenn den altersschwachen Gott der Christen des Kaisers Arme selbst herunterreißen müßten!«

»Sagt mir doch,« klang zögernd die mädchenhafte Stimme des jungen Soldaten, »warum seid denn Ihr nicht bei Euerm Regiment?«

»Ach,« versetzte der Gardist mißmutig und verzog das Gesicht, als wenn er Essig im Munde habe, so daß der gewaltige Schnurrbart in heftige Bewegung geriet »Bei Lützen sprang mir ein Granatsplitter ins Bein, daß ich kampfunfähig wurde und mehrere Monate im Spital zubringen mußte. Vor wenigen Tagen erst gab man mich frei, und ich schloß mich diesem Munitionstransport an, denn ich brannte vor Begierde, wieder zu meinem Regimente zu stoßen. Von den elf Blessuren, die ich bisher erlitt, ist es die letzte gewesen, während deren Heilung ich vor Ungeduld bald gestorben bin.«

»Man sagt,« begann der Jüngling von neuem, »daß der Kaiser sich seine Generale selbst heranbilde, und daß der Lehrer keinem seiner Schüler einen starken Einfluß auf die Heranführung der Armeen zum Kampfe einräume.«

»Das ist wahr,« antwortete der Gardist und zwirbelte seinen Schnurrbart. »Die Pläne zu allen großen Schlachten sind in dem Hirn unseres genialen Meisters erdacht worden. Deshalb gebührt auch ihm der größte Teil von dem Ruhme seiner Siege. Seine Marschälle sind nichts anderes als Ausübende seiner Befehle. Vielfach früher gemeine Soldaten, sind sie aus der hohen Schule des großen Kaisers hervorgegangen. Der wahre Meister lehret die Gehilfen selbst. Und wen einmal der Korse für vollgewichtig fand, der zählt in Zukunft zu des Imperators Paladinen!«

»Ihr habt den Kaiser recht sehr in Euer Herz geschlossen, merke ich,« sprach der Jüngling. »Ihr müßt doch eine gewaltig hohe Meinung von ihm haben.«