Der alte Soldat wandte sich um, daß er dem andern den Anblick seiner breiten Brust bot und ließ seine blitzenden Augen spöttisch auf dem Milchgesicht ruhen.

»Junger Kamerad,« versetzte er endlich, »Du kommst mir vor, wie ein frisch dem Mutterleibe entstiegenes Böcklein, das in den wärmenden Sonnenstrahlen seine possierlichen Sprünge macht. Deine Worte klingen wie das Lallen eines Kindes. Noch ganz andere Männer als ich huldigen unserm großen Kaiser, dem die Meinung der Menschen nichts an seinem Ruhme schmälern oder hinzufügen kann. Seine welterschütternden Taten fordern bei Freund und Feind hohe Ehrfurcht heraus. Sie sind in dem Buche der Geschichte auf ewig unvergänglich eingegraben, und noch in den spätesten Tagen wird man mit Bewunderung seinen Namen nennen. Er ist der Erste, aller Zeiten Ersten, vor seinem Stirnerunzeln zittert eine Welt, und wie das Schicksal von Europas Völkern in seiner Faust er hält, brächt’ er im Rasen selbst den morschen Erdenball zum bersten.«

»Vergebt,« begann nach einer geraumen Weile Stillschweigens der junge Soldat schüchtern, »wenn ich Euern Unmut herausforderte. Ich bin ja, wie Ihr wißt, keiner Eurer Landsleute, zudem bin ich jung und unerfahren, und in unser stilles Schwarzwaldtal ist zum Glück nur wenig von dem Kriegslärmen gedrungen. Ich kann Eure blinde Anbetung des Kaisers nicht recht verstehen, aber Eure Rede flößt mir Achtung vor ihm ein. Und wenn ihr sagt, »der Kaiser!«, so sprecht Ihr diese Worte in einem Tone, den ich bisher noch nicht vernommen habe, und jedesmal ist es mir dabei den Rücken hinabgerieselt. Zugegeben, Napoleon ist ein großer Kriegsmann, der bei jedem Menschen ein starkes Gefühl herausfordert, sei dies nun Liebe, Bewunderung oder Haß. Sagt mir aber doch, bitt’ ich Euch, welche Bewandnis es damit hat, wenn Ihr sagt »der Kaiser!«.«

Das Gewehr an die Schulter gelehnt, griff der alte Gardist mit beiden Händen langsam an den Schnurrbart und richtete, ihn wiederholt blitzschnell durch die Finger drehend, eine wahre Revolution in den beiden Haarbüscheln an. Aber nur eine Sekunde dauerte diese Verwirrung, dann glätteten, drehten und strichen die zerstörenden Finger das stolze Symbol seiner Männlichkeit in eine noch ansehnlichere Form als der Bart vorher besessen hatte, und ein paar letzte Striche verliehen den Büscheln einen kühnen Schwung, und die dicken Enden ragten aufs neue spitzig in die Luft. Mit dem Gesichtsausdruck des Geschmeichelten blickte der Franzose einen Augenblick sinnend ins Leere. Dann warf er seine nachlässige Haltung ab, richtete sich auf und begann die folgende kleine Erzählung:

»Es war bei Austerlitz. Die Schlacht war im vollen Gange, und die Russen und Österreicher boten alle Kraft auf, dem gewaltigen Stoße unserer Sturmkolonnen standzuhalten. Die Alte Garde stand mit Gewehr bei Fuß rückwärts auf einer Anhöhe, jedes Winks gewärtig, um etwa einem bedrohten Flügel zu Hilfe zu kommen. Wir Auserlesenen der großen Armee kennen schon dieses Verweilen in der Reserve, denn wir sind gewöhnt, in den Augenblicken, wo die Schlachten ihren Höhepunkt erreichen, einzugreifen und aufs neue mit dem Lorbeer des Sieges unsere Adler zu schmücken. Von unserm Platze aus konnten wir das ganze Schlachtengefilde überblicken.

Die ungeheure Fläche war ein einziges Schneefeld, auf das die Wintersonne herniederglänzte. Millionen von Eiskrystallen glitzerten in den goldenen Sonnenstrahlen, und der Donner der ersten Kanonenschüsse der Russen zerriß die Luft und rollte majestätisch zu uns herüber, die erhabene Ruhe der Natur jäh erschreckend.

In kurzer Zeit aber wurde das Bild lebendiger.

In weitem Halbkreise bot sich dem Auge der Anblick der Dörfer dar, aus deren Häusern hier und da schon die Flammen schlugen. Verhaue waren zu sehen, Hecken, hinter denen es wie in einem Ameisenhaufen kribbelte, langgedehnte Feuerlinien, von Rauch fast verhüllt, anstürmende Regimenter und sich zur Schlacht entwickelnde Divisionen.

Eins bemerkten wir schlachtenkundigen Veteranen des Krieges sehr bald: das Ringen war zum Stillstand gekommen. Zudem war es bekannt, daß wir uns in der Minderzahl befanden. Also konnte es wohl einem Neuling etwas bänglich zu Mute werden, zumal sich unser Aufenthalt auf der sanft in das Tal hinabführenden Lehne immer ungünstiger gestaltete. Denn nicht nur eine ganze Anzahl verirrter Flintenkugeln schlug mitten in unsere Reihen ein, sondern es schwirrten auch Granaten dicht über unsere Köpfe hinweg, mit denen sich die russische Artillerie auf uns einzuschießen begann. Wir aber standen schweigend und ohne mit den Wimpern zu zucken und betrachteten scheinbar gleichgültig das weite Schlachtfeld. Aber in der Brust eines Jeden von uns stieg eine quälende Unruhe herauf und das wilde Verlangen, anstatt in dieser Totenstarre, zu der wir verurteilt waren, auszuharren, vorwärts zu stürmen.

Dicht vor unserem Bataillon hielt zu Pferd der Marschall mit seinen Adjutanten. Wie aus Stein gemeißelt saß er auf dem Pferde und blickte unausgesetzt nach einem großen Reiterhaufen in geraumer Entfernung vor uns, von dem unaufhörlich einzelne Reiter ab und zu ritten. Auch unsere Blicke wurden auf diese Stelle hingezogen, von der eine magnetische Kraft auszugehen schien. Und je länger wir untätig standen, je lauter der Schlachtenlärm heraufdrang, und je gefahrvoller unsere Stellung wurde, um so sehnsüchtiger hingen unsere Augen an diesen Reitern. Die Unruhe in unserer Brust war auf das höchste gestiegen.