Da löste sich mit einem Male wieder ein Reiter von dem großen Haufen und stürmte in verwegenem Galopp über die Hecken und Gräben hinweg auf unsere Stellung zu. Ein Aufatmen ging durch die Reihen! Wie eine Windsbraut fegte der Reiter die Anhöhe herauf. Es war, wie man beim Näherkommen erkennen konnte, ein Major vom Großen Hauptquartier, ein noch junger Mann mit vornehmen Gesichtszügen und hohen Auszeichnungen auf der Brust. Dicht vor dem Marschall riß er mitten in der Karriere so gewaltig in die Zügel, daß das feurige Roß fast auf die Hinterhufe niederbrach. Dann legte er mit edelm Anstand die Hand an die Mütze und sprach langsam und mit laut vernehmbarer Stimme:

»Befehl des Kaisers! Die Kaiserliche Garde soll das Dorf im Zentrum der Schlachtlinie nehmen und um jeden Preis halten!«

Bei diesen Worten streckte der Offizier den Arm aus und bezeichnete ein fast gänzlich zusammengeschossenes, langgestrecktes Dorf, aus dessen Häusern dichte Rauchwolken drangen und von dem soeben stark gelichtete französische Kolonnen zurückfluteten, die vom Dorfe aus mit heftigem Gewehrfeuer verfolgt wurden.

Hierauf salutierte der kaiserliche Adjutant von neuem, riß das Pferd herum und stürmte, wie er gekommen, wieder die Anhöhe hinab. Kaum war er aber hundert Schritte weit geritten, da bäumte plötzlich der prächtige Rappe hochauf und begrub, sich überschlagend, den Reiter unter seinem Leibe. Infolge der Heftigkeit des Sturzes rollte das Pferd über den Offizier hinweg, stieß, auf dem Rücken liegend, die im Krampf gekrümmten Beine ein paarmal heftig in die Luft und fiel dann langsam auf die Seite neben seinen Reiter, der unbeweglich auf dem gefrorenen Schnee lag.

Da wandte der Marschall sein Pferd herum, und durch unsere Reihen scholl ein unterdrücktes Jauchzen. Sein Gesicht war dunkelrot, und seine Augen glühten vor innerm Feuer. Die Kommandeure sprengten auf ihn zu, ritten wieder zurück, und wenige Minuten später erschollen die Kommandos, und die Bataillone setzten sich stumm in Marsch. Alles dies geschah ruhig und ohne Aufregung, wie daheim auf den Übungsplätzen.

Mit beflügelten Schritten eilten wir abwärts, an dem auf dem Rücken lang ausgestreckten Adjutanten vorbei, dessen gebrochener Blick nach oben gerichtet war, und erreichten bald die Stelle, wo der bewegliche Reiterschwarm hielt. Hier waren Offiziere jeden Ranges und aller Waffen. An der Spitze des Haufens sah man die Uniform des Kaiserlichen Stabes und etwa fünfzig Schritte vor ihnen befanden sich zu Fuß drei oder vier einzelne Offiziere, unter ihnen der Kaiser.

Der Gewaltige hielt ein großes Fernrohr vor die Augen und blickte aufmerksam auf das Schlachtfeld. Nach einer kurzen Weile nahm er das Glas herunter und beugte sich über einige Karten, die auf einem am Boden liegenden Baumstamm ausgebreitet waren. In diesem Augenblick ritt ein Regiment Grenadiere zu Pferde in leichtem Trabe vorüber. Ein hundertstimmiges Vivat brauste durch die Luft; der Kaiser rührte sich nicht. Da erhoben sich die Stimmen noch lauter, und die Soldaten riefen: Nun werden wir den Petersburger Damen wieder eine Gelegenheit zum weinen geben. Der Kaiser blieb unbeweglich. Er richtete sich nicht für einen Augenblick auf, sondern blieb über die Karten gebeugt, und es schien, als wenn er den tosenden Beifall, der den betäubenden Lärm der Schlacht fast übertönte, garnicht vernehme.

In gleichmäßigem Takte, die Zunge im Bann, schritten wir vorüber. Denn die Kaiserliche Garde pflegt ihre Pflicht stumm zu tun!

Schnell nährten wir uns dem brennenden Dorfe. Ohne einen Schuß abzugeben, marschierten wir vorwärts, in den infernalischen Hagel von Blei hinein. Das Etagenfeuer, womit wir empfangen wurden, wütete fürchterlich in unsern Reihen und riß gewaltige Lücken in die dichten Sturmkolonnen. Aber unsern Mut konnten die Verluste nicht erschüttern. Die Reihen schlossen sich fester zusammen, und die Plätze der Gefallenen wurden im Augenblick ausgefüllt. Plötzlich schien es, als wenn die Verteidiger Verstärkung erhielten, denn das Feuer nahm an Heftigkeit zu. Man konnte nicht mehr das Knattern der einzelnen Schüsse unterscheiden. Grollendem Donner gleich hallte es herüber, und das Pfeifen und Zischen der Kugeln wuchs zur sinneraubenden Musik an: wir bissen die Zähne zusammen und marschierten weiter. Da schlugen plötzlich von halblinks her Kartätschen in uns ein und rissen ganze Reihen nieder: – wir senkten den Blick zu Boden und marschierten weiter. Eins nur war jetzt die Losung: Vorwärts! Jedes Halten oder gar Zurückweichen war gleichbedeutend mit Vernichtung.

An den weißen Uniformen hinter den Mauern erkannten wir, daß es Österreicher waren. Nun, wir nahmen uns vor, mit ihnen fürchterlich abzurechnen!