Noch immer bewegten wir uns beim Schlage der Trommeln im Schritt vorwärts, die Adler voran, wie eine granitne Mauer, ein Wald von Bajonetten. Da ertönten plötzlich die Hornsignale. Wir durcheilten die kurze Entfernung bis zum Dorfe laufend und warfen uns auf die feindlichen Schützen, die im letzten Augenblick das Schießen eingestellt hatten und uns mit erhobenen Gewehren erwarteten. Mit lautem Schlachtruf stießen wir aufeinander; hüben wie drüben herrschte fürchterliche Erbitterung.

Die braven Weißjacken mußten natürlich schon in der Entfernung die Uniform der Alten Garde erkannt haben und hatten sich daraufhin auf einen verzweifelten Kampf gefaßt gemacht. So standen sie denn auch wie eine Felswand und wehrten sich wie Rasende. Aber diesem Ansturm war ihre Kraft nicht gewachsen!«

Der alte Gardist räusperte sich und hielt einen Augenblick inne. Dann fuhr er mit großem Nachdruck fort:

»Junger Kamerad! Ich habe in achtundzwanzig Schlachten gestanden und weiß, mit welcher Erbitterung zuweilen gestritten wird. Noch niemals, außer vielleicht bei Eylau gegen die Preußen, habe ich es aber wieder erlebt, daß mit solcher Wut gefochten wurde, wie wir und die österreichischen Regimenter bei Austerlitz kämpften. Kolben und Bajonett wüteten furchtbar in ihren Reihen, und die weißen Koller färbten sich in kurzer Zeit blutigrot. Sie schienen in den Erdboden gewurzelt, und es genügte nicht, ihnen den Tod zu geben; jeder Erschlagene mußte noch umgeworfen werden, und der Gesichtsausdruck der Toten war ein grimmes Bedauern, daß sie nicht wieder aufstehen und weiterkämpfen konnten.

Unterdessen hatte die Schlacht weitergetobt und auf der ganzen Linie hatten unsere Regimenter den Angriff erfolgreich vorwärts getragen. Das alle Kriegskundigen überstrahlende Genie des Kaisers feierte an diesem Tage einen seiner glänzendsten Triumphe! Er wußte, daß er sich auf sich selbst und auf seine Truppen verlassen konnte. Deshalb hatte er den rechten Flügel der Aufstellung nur schwach besetzt. Die Verbündeten trauten einem Napoleon wirklich den Fehler zu, daß er seine Rückzugslinie nicht genügend decken würde. So liefen die Russen wie Mäuse in die Falle und schickten große Massen auf diesen sumpfigen Teil des Schlachtfeldes, bis ihre Regimenter zwischen zwei große Seen und dem wasserreichen Goldbach eingekeilt waren.

In diesem Augenblick wurden sie von den Truppen des Herzogs von Auerstädt angegriffen. Kaum hatte der Kaiser die durch den Marschall Davout gefährdete Lage der Russen und Österreicher erkannt, als er die ganze Garde und die Regimenter des Marschalls Soult von der Hochfläche herab in den Rücken des Feindes warf. Von der furchtbaren Blutarbeit, die zu dieser Minute begann, habe ich Dir, junger Kamerad, soeben erzählt. Die feindlichen Truppen entzogen sich zuletzt dem Gemetzel und ergriffen die Flucht. Ein Teil von ihnen geriet in die Sümpfe, der andere gedachte auf der Fläche zwischen den beiden Seen zu entkommen. Hier brachen aber unsere Reiterregimenter in ihre Flanke und hieben schonungslos auf die Fliehenden ein.

Wir hatten unterdessen unsere Arbeit getan. Ausruhend standen wir nun auf einem Hügel seitwärts des in rauchenden Trümmern liegenden Dorfes und wischten mit den Fingern das tropfende Blut von den Bajonetten. Da sahen wir, wie einige Tausend Russen über den großen, zugefrorenen See flüchteten. Gerade als sie die Mitte erreicht hatten, ließ der Kaiser durch die Gardeartillerie das Eis einschießen. Unter gewaltigem Krachen barst die Eisdecke des Sees, und mit gellenden Hilferufen versanken Tausende von Flüchtigen mit Pferden, Wagen und Geschützen langsam in der eisigen Flut.

Die darauffolgende Nacht wurde bei grimmiger Kälte im Freien zugebracht.

Am andern Tage stand die Alte Garde schon frühzeitig auf den Biwakplätzen bereit, den Kaiser zu erwarten, – die Adler vor den Bataillonen. Eine Stunde verstrich in fieberhafter Ungeduld, denn wir ahnten, daß sich heute für uns Bedeutendes ereignen würde. Keine Blutarbeit wie gestern, aber doch würde es ein großer Tag sein. Endlich sahen wir von der Ferne her den bekannten großen Reiterschwarm langsam auf uns zu reiten. Der Marschall gab das Zeichen zum Präsentieren, und einige Sekunden später nährte sich der Kaiser, von nur wenigen Generalen begleitet, im Galopp unserm Bataillon, während der große Haufen in respektvoller Entfernung zurückblieb.

Als der Kaiser vor unserer Mitte angekommen war, hielt er das Pferd an und ließ die Augen eine Weile stumm auf uns ruhen. In diesem Schweigen standen die alten, schlachtenerprobten Soldaten vor ihrem Kaiser. Kein Laut wurde vernommen, aber Tausende von Herzen schlugen hörbar in der Brust, und Männer, von denen die meisten in ebensoviel mörderischen Schlachten, wie Du Milchbart Jahre zählst, dem Tod gleichgültig ins Gesicht gesehen hatten, zitterten in diesem Augenblicke wie Knaben.