Das alte Schreibzeug, gefertigt aus dem wunderlich gewachsenen Gehörn eines Rehbocks, das dunkle Eckbrett, auf dem die vielen Pfeifen mit tönernen und hölzernen Köpfen sorgfältig gehütet neben einander standen, der kunstvoll geschnitzte Tisch, die schweren Stühle und die vielen Gegenstände aus Hirschhorn, – alle schienen ihn vertraulich zu grüßen wie einen alten, lieben Bekannten.
Sein bisher düsteres Auge hellte sich auf, als wenn er der Tage gedächte, in denen er es als eine Gunst betrachtete, wenn er spielend in des Vaters Arbeitszimmer verweilen durfte, während dieser am Schreibtische saß.
Da fiel Herrn Oskars Blick hinauf auf das Bild, das dort über dem Tische in schlichtem Rahmen hing: das Bild des teuern Vaters, das ihn bereits gebeugt unter der Last der Jahre wiedergab. Er sah die Augen des Verblichenen auf sich gerichtet, als ob er ihn ermahnen wolle, seine Handlungen nicht von Verdruß und Eigensinn beherrschen zu lassen.
Den jungen Mann überkam eine tiefe Wehmut.
Hier standen sie nun, die Brüder, die Söhne des Mannes, der stets bestrebt gewesen, wohlzutun, und der den geringsten der Menschen nicht von sich gehen lassen mochte, ohne freundlich zu ihm gewesen zu sein. Sie standen hier am Scheidewege. Und nach der Stimmung, die sie beherrschte, genährt durch ihre ungleichen Naturen, bedeutete ihr Auseinandergehen eine Trennung fürs Leben. So wollten sie seine Lehren in den Wind schlagen! Und dabei war er gewiß mit einem Gebet für sie aus dem Leben gegangen.
Hingerissen von der tiefen Bewegung, die ihn erfüllte, trat Oskar mit raschen Schritten auf den Bruder zu, der zwischen Stuhl und Schreibtisch stand, und streckte ihm die Hand entgegen.
Der Freiherr richtete sich bei dem plötzlichen Näherkommen des Bruders auf und sah ihm unverwandt in die Augen.
Ein heftiges Zittern überfiel mich, denn ich bemerkte, wie das Gesicht des Herrn Oskar unter diesem Blicke starr wurde. Langsam sank ihm die Hand herab.
Da begann der Freiherr, seine Stimme klang kalt:
»Ich muß mit Dir noch ein Wort sprechen, Oskar, bevor wir scheiden. Ich stehe vor Dir, als der Vertreter der Familie, als das Oberhaupt eines, wie Du weißt, der ältesten Geschlechter des Landes, dessen Wurzeln selbst bis in die Zeit des Werdens der Wettiner hineinragen. Die höchsten Ziele, die unsern Vorfahren vor Augen standen, waren allzeit die Gunst ihrer gnädigen Landesherren, die Hochhaltung ihres fleckenlosen Namens und ein seliges Ende. Und um diese edeln Güter kämpften und starben sie. Die Jahrhunderte haben unter den Tiefenbachs die verschiedensten Naturen gesehen, aber es hat keinen unter ihnen gegeben, bei dessen Erwähnung die Nachkommen erröten müßten. Die Ehre stand ihnen über allem. Aus all’ diesem aber ergibt sich von selbst, daß die Glieder eines so uralten und stolzen Geschlechts heilige Pflichten haben, und daß das Ansehen des Namens sie selbst zu Opfern bereit finden muß. Und deshalb, Oskar, halte ich es für meine Pflicht, Dich zu ermahnen, daß Du niemals die uns heiligen Traditionen vergessen mögest, damit auch die kommenden Geschlechter das Andenken ihrer Väter so rein finden, wie wir es vorgefunden haben!«