Der Freiherr hatte die Worte langsam und mit zuweilen scharfer Betonung gesprochen. Am Schluß seiner Rede hatte er die Stimme erhoben.
Oskar stand wie eine Bildsäule und starrte dem Bruder ins Gesicht. Er hatte die Herrschaft über sich vollkommen verloren, seine breite Brust bewegte sich in tiefem Heben und Senken, wie von einer übermächtigen Leidenschaft bemeistert. Wiederholt versuchte Oskar zu sprechen, aber die Sprache versagte ihm den Dienst. Endlich drangen zwischen den bebenden Lippen die abgerissenen Worte hervor:
»Warum das, warum diese seltsamen Ermahnungen, mit denen Du mich, wie Du empfinden mußt, tief verletzest? Aber ich will selbst den Kern aus seiner Hülle schälen: ein falscher Stolz verbietet Dir, Dich damit abzufinden, daß Dein Bruder um sein Weib anderswo freit, als dort, wo es bisher für einen Edelmann der Brauch wollte. Ich gebe es zu, daß der von mir beabsichtigte Schritt, als erster dieser Art, dem Zuschauenden ungewöhnlich erscheinen muß. Aber das zu tun, was man in früheren Zeiten zu unterlassen für richtig fand, wird einstmals gute Sitte, sofern es nicht mit den göttlichen Gesetzen in Widerspruch steht. So will es der Wandel der Zeiten und der Wille der Menschen, der ihren Tagen die Prägung gibt, und es wäre töricht, wollte man es versuchen, den Lauf des rastlos vorwärts tosenden Weltenstroms aufzuhalten. Mit Dir aber von dem zu sprechen, was mir ein Heiligtum ist, hieße, dies Heiligtum verunglimpfen. Ich werde meinen Vorsatz ausführen und niemand soll es wagen, mich daran zu hindern. Spätere Tiefenbachs mögen meine Richter sein!«
Herr Oskar war, während er sprach, ruhiger geworden.
»Und ich verbiete Dir, daß Du den Namen unserer Familie in den Schmutz ziehst!« schrie der Freiherr, mit der Faust auf den Tisch schlagend.
»Hüte Dich, mich noch einmal zu reizen,« klang es zurück, »schon viel zu weit hast Du dieses frevelnde Spiel getrieben. Ich trage in meinem Innern die unumstößliche Überzeugung, daß der Vater meinen Schritt noch gebilligt haben würde, und nur der überraschende Tod ihn verhinderte, mir seinen Segen zu geben. Ich habe Dir bereits erklärt, daß ich meinen Vorsatz ausführen will, und ich werde ihn ausführen!«
»Und wenn es nicht in meiner Macht steht, diesen Schritt zu verhindern, so vermag ich doch, mich der Mittäterschaft zu entziehen, indem ich alle Bande, die uns bisher fesselten, von diesem Augenblick ab für gelöst erachte. Du trittst mit dem Verlassen des Schlosses gleichzeitig aus der Familie der Tiefenbachs aus. Du bist nunmehr frei, wirf Dich in die Arme einer Dir …«
»Halt ein, kein Wort weiter!« donnerte Herr Oskar, den die Wut sinnlos machte, indem er auf den Bruder eindrang.
»Wenn Du weiter sprichst, so stehe ich für meine Handlungen nicht mehr ein! So mißbrauchst Du also den Platz, den Dir unser edler Vater soeben abgetreten hat. Wehe Dir, Du Vermessener, der Du noch nicht weißt, ob Dir mit Deinem hochmütigen Sproß aus vornehmem Geschlecht so glückliche Tage beschieden sein werden, wie mir mit dem Weib aus dem Dorfe. Aber,« fuhr er fort, und seine mächtige Stimme dröhnte von den hohen Wänden des Gemaches wider, »ich gebe Dir Dein Wort zurück. Aufgehoben sei alle Gemeinschaft zwischen uns und unsern Nachkommen, und ein Gottesgericht treffe den, der es wagen sollte, diesem Spruche zu trotzen!«
Während dieser letzten Worte war die Frau Baronin unbemerkt durch die Tür in das Zimmer getreten, das Haar offen und den Nachtmantel von den Schultern herabgesunken. Ihr Gesicht war marmorbleich, und ihre Augen funkelten vor Zorn.