»Udo!« schrie sie den Freiherrn an, »laß diesen Menschen mit Hunden vom Schlosse hetzen! Rühr Dich doch, handle! Hörst Du nicht, wie sie in ihren Ställen hungrig kläffen, sie wittern Aas. Mich verlangt es danach, sein Schmerzensgeschrei zu hören! So handle doch, – Memme!«
Und sie brach in ein entsetzliches Lachen aus.
Herr Oskar hatte sich schon zur Tür gewandt um das Zimmer zu verlassen. Egbert folgte ihm. Noch einen Augenblick hielt Oskar inne und sagte zu dem Bruder:
»Sieh doch, Egbert, dieses Weib ist wahrhaftig eine Teufelin!«
Dann schlug die Tür hinter ihnen krachend zu.
Meine Glieder waren wie gelähmt. Jetzt kam Bewegung in mich. Von einer wahnsinnigen Angst erfaßt, stürzte ich den Brüdern nach. Auf der Treppe erreichte ich sie und alle Rücksichten, die mir meine Stellung gebot, vergessend, hing ich mich an Herrn Oskars Arm und flehte mit bebender Stimme:
»Gnädiger Herr, nehmen Sie mich mit fort von hier, und lassen Sie mich Ihre niedrigste Magd sein!«
Er blieb stehen und schaute sich nach mir um. Ich fühlte, wie seine Hand über meine brennende Stirn strich. Eine dunkle Binde schien sich auf meine Augen zu legen. Ich merkte noch, daß er die Arme um mich schlang, mich aufhob und mit mir die Treppe hinabstieg; dann verlor ich das Bewußtsein.
In derselben Nacht jagte ein heftiger Donnerschlag die Bewohner des Dorfes aus den Betten; – der westliche Turm des Schlosses war eingestürzt.
Drei Monate später fand auf dem Freihofe Hochzeit statt. Die Wunde, die der Tod des Freiherrn geschlagen, war noch zu frisch, daß man laut gejubelt hätte. Aber es war doch ein Ereignis, zu dem die Gäste und viele Neugierige von weit und breit zusammenströmten. Und als der festliche Spruch verklungen war, den Herr Egbert auf eine fröhliche und glückliche Zukunft des Brautpaares ausgebracht hatte, erhob sich der Bräutigam von seinem Platze. Unter lautlosem Schweigen sprach er mit schlichten Worten aus, wie er der Stimme seines Herzens hätte folgen müssen und er fortan nicht bloß unter den Bauern sein Leben zubringen wolle, sondern daß er stolz sein würde, als ein rechter Bauer genannt zu werden. Der Schritt, den er unternommen, hätte eine tiefe Kluft zwischen ihm und denen auf dem Schlosse aufgetan. In seiner Brust aber wohne kein Zwiespalt, denn er trage die Überzeugung von der Makellosigkeit seines Tuns. Und die Liebe seines Weibes und das Vertrauen und die Zuneigung seiner Nächsten würden ihn reich entschädigen. –