Nun, Herr Oskar von Tiefenbach fand in seiner Ehe das was er erhofft hatte in reichem Maße, denn mit dem jungen Weibe war das Glück auf dem Freihof eingezogen. Sie war eine tüchtige Bäuerin und eine zartsinnige Lehrmeisterin für ihren Gatten. In wenigen Jahren schien es, als wenn Oskar von Tiefenbach nie anderswo als auf einem Bauernhof gewohnt habe; er war ein Landmann geworden, der seinen Beruf erkannt hatte und reiche Befriedigung in ihm fand. Des Freihofers sicheres und treffendes Urteil, seine vielseitige Bildung und nicht zuletzt sein biederer, freimütiger Charakter zog alle zu ihm hin, und bald betrachteten ihn die Dorfbewohner als einen der ihrigen. Von dem Freiherrn sprach er nie, aber ein glühender Haß gegen den Bruder erfüllte seine Seele.
Herr Egbert hatte kurze Zeit nach der Vermählung den Freihof verlassen und war zum Hof des Kurfürsten nach Dresden gegangen. Dieser nahm ihn als Junker auf, und schon ein Jahr später bat er seinen Bruder und die Schwägerin, seiner Hochzeit mit der Tochter des Generals von Zeschau beizuwohnen.
Mit Jubel wurde diese Botschaft auf dem Freihofe begrüßt, und Herr Oskar und Frau Martha trafen ihre Vorbereitungen zur Reise, auf der ich sie begleiten sollte. Bei dieser Gelegenheit sah ich das liebe Dresden, und die Erinnerungen an jene Tage sind mir bis in mein hohes Alter getreulich gefolgt.
Bald darauf verließ ich den Freihof, um meinem Ferdinand die Hand fürs Leben zu reichen. Im darauffolgenden Jahre bescherte mir Gott ein wonniges Glück: ich genas eines Knaben, während mein Mann unter Sachsens Fahnen gegen den großen Preußenkönig focht. Wenige Wochen später drang die Kunde der Niederlage der Sachsen bei Kesselsdorf durch das Land. Alles war bestürzt. Ich aber weinte und hielt mein Kind fest umschlungen, denn ich hatte meinen Mann verloren und war eine Witwe von einundzwanzig Jahren.
Ich ging wieder zu den Tiefenbachs. Die Freihoferin war eben vom Wochenbett aufgestanden. Kurz darauf warf eine hitzige Krankheit sie hart darnieder. Und während die Arme mit dem Tode rang, gab ich dem Neugeborenen und meinem eigenen Kinde die Brust. Da die Krankheit nur langsam wich, stillte ich ihr Mädchen auch weiterhin.
Das ist nun freilich schon lange her! Das Mädchen wuchs heran, und heute ist Konstanze von Tiefenbach Freihoferin. Sie war schon über die Vierzig hinaus, als sie sich vermählte.
Des Herrn Egberts Sohn war gekommen, um die traurige Botschaft zu bringen, daß er kurz nacheinander Vater und Mutter hätte begraben müssen. Das Leben auf dem Freihof, mehr aber noch die Liebe zu seiner Base, bewogen ihn zum bleiben für immer. Ein Knabe und ein Mädchen entsprossen ihrer Ehe. Nun ist auch die Freihoferin alt geworden und hat ihrem Sohne Max die Sorge um den Hof überlassen.
Mein Sohn hielt es in Rehefeld nicht lange aus. Als junger Bursche schnürte er das Ränzel und zog viele Jahre in der Welt umher. Endlich war er müde geworden. Er kehrte heim zu seiner Mutter und brachte sein Weib mit, ein junges Ding aus dem Norden Italiens, mit großen, schwarzen Augen und einem Mund voll blendendweißer Zähne. Sie hatte viel Gemüt, aber leidenschaftlich heftig konnte sie sein.
Nun ruhen auch er und sein Weib schon längst unter dem Rasen. Aber zurückgelassen haben sie mir doch etwas Liebes. Gelt, Hermann,« sagte die Greisin, sich zu dem jungen Mann neben ihr wendend, der bei ihren Worten errötete, »Du bist die Freude meines Alters!
Treu habe ich den Tiefenbachs während vieler Jahre gedient und gute und böse Zeiten mit ihnen durchlebt. Jetzt esse ich seit Jahren das Gnadenbrot, das mir die mildtätige Freihoferin gewährt. Meine Kräfte taugen nichts mehr, sie sind dahin. Ich kann den Tiefenbachs nicht mehr nützlich sein. Dafür ist Hermann aber an meine Stelle getreten. Er waltet auf dem Freihofe als rechte Hand des Herrn Max.«