Die Greisin hatte ihre Erzählung beendet; nun schwieg sie erschöpft.
Die beiden Liebenden saßen eng umschlungen neben einander. So ausführlich wie heute, hatte die Mutter lange nicht erzählt.
In Gedanken versunken, schaute der Fremde hinüber zu dem Schlosse, in dessen Fenstern sich das letzte Abendrot spiegelte.
»Was ist aus Udo von Tiefenbach und seiner schönen Frau geworden?« fragte er.
»Das Verhältnis der beiden Ehegatten zu einander wurde von Jahr zu Jahr schlechter. Auch die Geburt eines Sohnes konnte keine Besserung herbeiführen. Die Baronin Sophie liebte rauschende Feste, deshalb erfüllte sie das stille Schloß mit Lärm. Später ging Herr Udo mit seiner Gemahlin während des größten Teils des Jahres auf Reisen.
Eines Tages kehrte er allein zurück. Man sagte, die Baronin sei mit einem österreichischen Edelmann auf und davon gegangen. Verbittert und weltscheu ist er im hohen Alter gestorben.«
»Und ist der Haß zwischen den beiden Familien nunmehr geschwunden?«
Die Greisin seufzte tief auf. Dann sagte sie:
»Der heutige Freiherr und seine Tochter Maria sind tief betrübt über die zerrissenen Bande der Tiefenbachs; in den Leuten auf dem Freihofe aber lodert noch der Haß, wie ehedem in Herrn Oskars Brust!«
Schweigend sah der Fremde wieder nach dem Schloß hinüber, auf das nunmehr die Dämmerung leichte Schatten warf. Niemand sprach ein Wort. Die gelbe Katze in Mutter Lehnhardts Schoß schnurrte nur emsig. Plötzlich richtete sich das Tier auf, machte einen hohen Buckel und sprang auf die Erde. Die nassen Stellen auf den Steinen sorgfältig vermeidend, lief es nach der Tür und verschwand dann im Hause.