»Nein,« rief der Jüngling leidenschaftlich, »nein und abermals nein, ich rede nicht im Fieber, denn meine Gedanken sind klar wie die Eurigen. Aber ich wiederhole es, ich hasse Napoleon!«

»Du bist noch ein halbes Kind,« versetzte der Gardist, »und hast das Schürzenband Deiner Mutter zu zeitig losgelassen. Ein anstürmendes Bataillon ist etwas Anderes als ein Schwarm augenklappernder Betschwestern, und der Krieg ist kein lustiger Zeitvertreib für großgewachsene Knaben, sondern ein ernstes Geschäft für Männer. Dem Feldherrn gebührt Ehre und Bewunderung! Schiltst Du Gott, daß er täglich Zwietracht unter die Menschen sät und sie erbittert gegen einander wüten läßt? Das, was einem Geisel dünkt, empfindet der Andere als Wohltat. Der Kaiser kämpft für die Herrlichkeit, für die Größe und für den Ruhm Frankreichs!«

»Ihr seid verblendet,« antwortete der Jüngling ruhiger aber mit edelm Feuer. »Was Ihr bei ihm für hohe Ziele haltet, ist nichts weiter als Blutdurst und maßloser Ehrgeiz. O, welch furchtbares Verbrechen ist doch der Krieg! Die härteste Geisel, die über der Menschheit geschwungen werden kann, viel entsetzlicher als verheerende Hungersnot und Pest. Alles was göttlich ist im Menschen wird erstickt, und die bösen Leidenschaften kommen allein zur Entfaltung. Das Land ist verwüstet, zertreten die Frucht der Felder, niedergebrannt die Wohnungen der Bürger und Landbewohner, und in die Brust der Menschen ist herzzerreißender Jammer eingezogen. Die obersten Gesetze der Gottheit werden mit Füßen getreten, und mit ihrer gütigen Langmut treibt man frevelndes Spiel. Und wie segensreich, wie herrlich ist doch der Frieden! Heiter schreitet der Bauer, der Städter zum gedeihlichen Tagewerk. In bunter Pracht liegen die Fluren, die Schätze des Ackerbodens, und die Früchte des Baumes reifen im goldenen Sonnenstrahl. Stillfrohlockend betrachtet der Landmann die sich herabneigenden, körnerreichen Ähren, die wohlgenährten, glänzenden Tiere. Unter fröhlichem Scherzen und Singen rollen die hochaufgetürmten, schwankenden Wagen langsam auf den heimischen Hof, und die Scheunen und Keller vermögen den Segen kaum zu bergen.

Und wenn dann nach getanem Tagewerk im Glanze der rötlich untergehenden Sonne der Gatte, der Vater um sich schaut, und die Blicke auf seinem fröhlichen, liebevollem Weib inmitten ihrer blühenden Kinder ruhen, da sieht er in ihren Augen ein wundersames Leuchten. Und während die Mutter in überquellender Liebe und Glückseligkeit die Kleinen an den Busen drückt, hebt in seinem Innern ein geheimnisvolles Jauchzen und Klingen an: – der Gotteslohn für ein Leben weiser Mäßigung und unverdrossener Arbeit im Schutze des Friedens!«

Der alte Gardist hatte den warmen Worten des Jünglings mit Andacht gelauscht. Als dieser geendet, sah er zu Boden und sprach mit einem Anflug von Weichheit:

»Du hast die empfindsamste Saite in meinem Herzen berührt, Knabe. Denn wisse, auch ich habe ein liebes Weib und zwei herzige Kinder zu Hause. Sie sind mein Stolz und meine Freude und sollen mir einstmals Licht und Trost sein, wenn der Schnee des Alters meine Schläfen bedeckt und ich ihnen von dem großen Kaiser und unsern Ruhmestaten getreulich berichten werde. Das Bild des Friedens aber, das Du mir in gleißenden Farbentönen gemalt hast, ist so berückend schön, daß ich die Augen schließen muß, um es nicht mehr zu sehen, – – es möchte mir die Freude am Kriege vergällen! Das eine aber sage mir, Du wunderlicher Tropf: wie kommst Du in die Gemeinschaft des rauhen Kriegsmannes, wenn der Krieg Dir ein Greuel ist?«

Der Jüngling sah bei dieser Frage hinauf zum Nachthimmel, wo kleine dunkle Wolkenfetzen noch immer über den Mond hinwegjagten, und er seufzte tief auf.

Mit einem Klange voll Schmerz vermischt mit Wehmut sprach er:

»Ja, darüber bin ich Euch nach meinen voraufgegangenen Worten Rechenschaft schuldig, und Ihr sollt sie mit wenigen Sätzen haben.

Meine Heimat ist Baden. In einem tief eingeschnittenen Tale, dessen Hänge mit düsteren Tannen bewachsen sind, von der Kinzig durchbraust, weilt mein Liebstes auf Erden. Die Eltern sind mir frühzeitig gestorben. Dafür hat mir des Allmächtigen Güte ein anderes treues Herz geschenkt: ein seelenvolles Mädchen, das ich meine Braut nenne. Sie bewohnt zusammen mit ihrer Mutter ein kleines Häuschen, und die beiden Frauen ernähren sich rechtschaffen mit dem Flechten von Stroh. Erst im vorigen Jahre starb der Vater; er war Holzfäller und wurde von einem stürzenden Baume erschlagen. Unsern Herzen viel zu früh ist er dahingegangen, leider aber auch zu früh für die äußern Lebensbedingungen der Frauen, denn auf dem Häuschen lag noch eine Schuld von achtzig Talern, auf deren Rückzahlung der herzlose Gläubiger mit drohenden Worten drängte. Anstelle des friedlichen Gleichmaßes der Tage von früher, herrschte schwere Sorge in dem kleinen Hause, denn man sah voraus, daß der Unhold die Frauen aus ihrem lieben Besitz treiben würde. Die Mutter hätte das nicht überlebt! Ich selbst war arm und verdiente mit meiner Hände Arbeit nur das Notdürftigste. Helle Verzweiflung hatte sich meiner bemächtigt; da sandte Gott Hilfe.