Keiner der beiden Soldaten ahnte, was für einen unbeschreiblichen Sturm diese Aufforderung in der Seele des Burschen blitzschnell entfesselt hatte. Er verstand nicht, was die Schildwache von ihm verlangte, seine Klugheit gebot ihm aber, nicht darnach zu fragen, denn mit solchem Wort mußte er sich sofort verraten. Als Spion würde man ihn packen und am nächsten Morgen vor der erstbesten Gartenmauer niederknallen, – das wußte er. Aber, wennschon, das war ja nicht das Schlimmste. Doch sein Plan, sein wunderschöner Plan, den er bisher so vortrefflich hatte ausführen können; sollte er in der letzten Sekunde, einen Schritt vom Ziel entfernt, noch scheitern? Das Blut staute in seinem Hirn, und sein Schädel drohte zu zerspringen.
Da huschte eine Erinnerung an seiner Seele vorüber: als vorhin in der Dunkelheit Schritte ertönten, hatte da die Schildwache an der Straße nicht dasselbe gefragt? Parole? Ja, beim Himmel, so hatte es geklungen! Und was hatte der Unbekannte darauf geantwortet? Ein neuer, siedendheißer Strom schoß ihm zu Kopfe, und vor seinen Augen begann es zu flimmern.
Dieser ganze Vorgang hatte sich in dem Hirn des Burschen so blitzschnell abgespielt, daß die Schildwachen noch keine Veranlassung hatten, Verdacht zu schöpfen. Jetzt stieß der Zögernde die schwere Bohlentür heftig auf, sagte mit heiserer Stimme »Jena!« und stolperte, als das Gewehr des Gardisten den Eingang freigab, in die schwarze, gähnende Finsternis hinein.
Der junge Soldat war durch das Erscheinen des Fremden aus seinen lieben Erinnerungen herausgerissen worden. Jetzt versenkte er sich von neuem darein.
»Gebe Gott,« seufzte er, »daß der Krieg recht bald endige, mein Lieb daheim bekommt vor Angst und Gram blasse Wangen.«
»Mein junger Freund,« versetzte der Gardist mahnend, »wie aber dann, wenn Ihr nicht wieder heimkommt? Im Kriege ist einem ein plötzlicher Tod ja weit näher als in Friedenszeiten.«
Der Jüngling fuhr verstört auf und blickte den alten Soldaten mit angstvollen Augen an:
»Geht,« stieß er hervor, »seid nicht so grausam. Ihr habt mir da einen schönen Schreck eingejagt. Nein, wie könnte ich denn sterben? Ich will ja noch Hochzeit feiern und glücklich sein. Ihr dürft nicht so garstig sprechen!«
»Nun, nun,« beschwichtigte jener gutmütig, dem die Unruhe des Jünglings nicht entgangen war, »freilich sollt ihr noch lange leben. Ich will es doch auch, denn ich muß ja noch meinen Enkeln von den Taten des großen Kaisers künden.«
Über den Köpfen der beiden Schildwachen hatte in diesem Augenblick ein gespenstisches Rauschen und Flattern begonnen. Allerlei Nachtgevögel war durch eine unbekannte Ursache aufgeschreckt worden. Die Tiere hatten ihre Löcher im Mauerwerk verlassen und flogen mit hastigen Flügelschlägen am Turm auf und nieder. Nur ein Käuzchen saß noch in seinem Spalt und rief durchdringend zweimal rasch nacheinander: Kommit, Kommit!