Der alte Gardist hob den Kopf, um nach dem Mahner zu sehen und sagte mit belegter Stimme:
»Das ist der Totenvogel!«
Da konnte der Jüngling aber seine Erregung nicht mehr meistern. Er griff hastig in die Tasche seines Uniformrocks und brachte ein zerknittertes Blatt Papier hervor. Mühsam las er dann im Mondenlicht mit lauter Stimme:
»– – – ich flehe allabendlich die heilige Jungfrau für Dich an. Mein Gebet dringt bis zu den Stufen des Allerhöchsten. Er wird Dich beschützen. Glaube mir das, Geliebter meines Herzens – – –!«
»Hört Ihr,« jubelte der Jüngling, »ich werde wohlbehalten zu ihr zurückkehren – –«
In diesem Augenblick trat ein Ereignis ein, durch das die Menschen weit in der Runde erschreckt wurden: an der östlichen Seite des Schlosses sprühten Myriaden von Funken hochauf, und aus Nebel und undurchdringlichem Rauch stieg eine riesengroße Feuergarbe kerzengleich zum Himmel empor, begleitet von einem gräßlichen Donnerschlage. Der Boden erzitterte wie bei einem Erdbeben, und Steine und Erdschollen wurden mit solcher Kraft in die Höhe geworfen, als wenn der weite Himmelsbogen gesprengt werden solle. Unter gewaltigem Getöse fielen die aufgewirbelten Steinmassen wieder zu Boden. Dann war es totenstill wie zuvor. Nur ein Regen von Staub und Asche rieselte langsam auf die Erde herab, und die Luft erfüllte starker Schwefelgeruch.
Unten aber, am Fuße der Bodensenkung, wo die Schar der Fuhrleute schlief, wurde es lebendig. Laute Rufe erschollen. Sie rissen die brennenden Scheite aus dem Feuer, eilten die Anhöhe hinan und beleuchteten den Platz. Aber sie fanden sich nicht zurecht, es war alles ganz anders als vor ihrem Schlafe. Der dicke, steinerne Turm, der ihr Pulver barg, war verschwunden, der Fuhrmann, der hier oben die Wache gehalten hatte, das Feuer, die Wagen, die beiden Schildwachen, – – alles war verschwunden. Die hohen Bäume, die in der Nähe gestanden hatten, waren dicht über dem Erdboden abgeknickt und weit fortgeführt. Nur hier und da lag ein weißer Sandsteinquader aus dem Gefüge des Turmes. Sonst war nichts zu sehen.
Es war, als wenn ein Gigant aufgestanden wäre, der mit einem eisernen Besen alles hinweggefegt hätte.
23. Kapitel.
Der Sonntagmorgen brach an. Schon zu früher Stunde eilten die Dorfbewohner ins Freie und betrachteten mit Neugierde und Grausen das Bild der Verwüstung.