Der letzte der beiden Schloßtürme war von seinem Platze verschwunden. Alle Steine, die ihn gebildet, lagen weit verstreut auf der Erde, und selbst die tiefen Grundmauern hatte die zerstörende Kraft des Pulvers zerrissen. Der anstoßende Flügel des Schlosses war in sich zusammengestürzt, und die Mauern des weiter nach dem Mittelbau zu gelegenen Teils durchzogen vom Dach bis zum Boden herab breite Risse. Seit jener Nacht, in der der westliche Turm einstürzte und Oskar von Tiefenbach mit seinem Bruder Egbert das Schloß verlassen hatte, um den Freihof zu beziehen, war dieser Flügel des Schlosses allmählich zerfallen. Nun lag auch das letzte Wahrzeichen des alten Baues in Trümmern, und nur ein kleiner Teil war noch bewohnbar.

Aber soweit bekannt, waren Leute aus dem Dorfe der verheerenden Explosion nicht zum Opfer gefallen, und in die ehrfürchtige Scheu vor der furchtbaren Gewalt der Elemente mischte sich innerliches Frohlocken. Was tat es, daß der steinerne Riese nicht mehr war! Allzulange hätte er der zerstörenden Zeit doch nicht mehr standhalten können, nachdem an vielen Stellen der Mauerfraß den Turm schon sehr geschwächt hatte. So war er denn von seinem Platze gewichen wie ein heldenmütiger Krieger, der in der Schlacht fällt. Die dritthalbhundert Zentner Pulver und Geschosse, die in seinem weiten Bauche aufgespeichert waren, hatten sich mit einem einzigen Schlage entzündet, anstatt in mörderischer Feldschlacht hundertfachen Tod in die Reihen der deutschen Kämpfer zu tragen. – Gottlob!

Auf welche Weise die Entzündung erfolgt sein mochte, wußte niemand. Die französischen Schildwachen hatten mit einer dichten Postenkette rund um das Schloß scharf Wache gehalten, so daß es wohl keinem gelungen sein konnte, sich zwischen ihnen hindurchzuschleichen. Außerdem hatte vor der Tür des Turmes ja noch ein Doppelposten gestanden, wodurch es unmöglich gewesen war, zu dem Pulver zu gelangen. Man glaubte deshalb an eine Selbstentzündung der Sprengstoffe aus unbekannten Gründen.

Noch in der Nacht hatten sich die Fuhrleute auf die Pferde geschwungen und waren, von den französischen Soldaten begleitet, zum Dorf hinausgeritten, auf Leipzig zu. Vermutlich hatten sie geglaubt, der weithin vernehmbare Donnerschlag der Explosion könne feindliche Truppen herbeiziehen, die ja zufolge Nachrichten der Landleute in geringer Entfernung vom Dorfe stehen sollten.

Lange konnten die Rehefelder aber nicht an der Trümmerstätte verweilen. Heute war ja der letzte Tag, an dem sich die kühnen Männer noch im Kreise ihrer Lieben befanden, morgen mit Tagesgrauen wollten sie das Dorf verlassen. Deshalb sollte heute Vormittag, nachdem die Tiefenbachs sich vor dem Altar Treue fürs Leben gelobt hatten, die Einsegnung der Davonziehenden stattfinden.

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Max hatte mit beklommenem Mute sein Hochzeitsgewand angetan. Nur wenige Stunden sollte es ihm vergönnt sein, sein junges Weib an seiner Seite zu wissen, dann riß ihn das Schicksal von ihr fort, – hinein in den opfervollen Kampf. Würde er sie wiedersehen? War es recht von ihm, wenn er schon am Morgen nach dem Hochzeitstage sein Weib verließ? Hatte er richtig gehandelt, als er sich Konrad mit Leib und Seele verband, als er den Plan faßte, wider den alten Feind mit zu Felde zu ziehen? Gab es nicht eine große Anzahl anderer Männer im Lande, die niemand zurückließen, dem ihr Scheiden großen Schmerz bereitete? Mußte es denn wirklich sein, daß er sein eben angetrautes Weib allein ließ, um für die Freiheit der deutschen Stämme zu streiten?

Solche Anfechtungen überkamen den Mann zu dieser Stunde und bedrückten ihn schwer. Kein tröstender Gedanke, wie er sich auch nach ihn abmühte, wollte ihm als Retter in schwerer Not erstehen, und in seiner Niedergeschlagenheit mutete es ihn an wie ein Rätsel, wenn er daran dachte, daß ihn bisher diese Bedenken nicht heimgesucht hatten. Noch bis gestern war er bei dem Gedanken an den Ausmarsch freudig erregt gewesen, aber heute, an seinem Hochzeitstage, war es ihm doch wunderlich ums Herz.

Da erinnerte er sich plötzlich der Worte der Geliebten, die sie in jener Stunde gesprochen, als er ihr seine Absicht, mit auszuziehen, kundgetan: ich hätte Dich nicht verstanden, wenn Du hier geblieben wärst! Jetzt wich die Verzagtheit von ihm, und sein bänglicher Mut richtete sich auf. Das freudige Gefühl, das ihn in den letzten Wochen nicht verlassen hatte, beseelte ihn aufs neue. Ein warmer Strahl brach aus seinem Auge, als er die Worte Marias leise vor sich hin sprach, und Stolz schwellte seine Brust bei dem Gedanken an sein hochherziges, tapferes Mädchen.

Rasch und ungeduldig beendete er seinen Anzug und schlug mit hastigen Schritten den Weg nach dem Schlosse ein.