Starr im Glanz des Mondenschein
Ruht er auf dem Feld der Ehre,
Leis vom Aug’ des Mägdelein
Löst sich eine blut’ge Zähre.
Max überkam bei dem Klange dieses Liedes eine Anwandlung unendlicher Wehmut. Er glaubte aus den Tönen den Trennungsschmerz herauszuhören, den Maria fühlte. Leise öffnete er die Tür, – da stockte sein Fuß auf der Schwelle, denn das liebliche Bild, das sich ihm bot, hielt ihn im Bann.
In dem geräumigen Erkerzimmer mit den schweren, eichenen Möbeln aus einer längst vergangenen Zeit, stand Maria an eine den Erker tragende, geschnitzte Säule gelehnt, nahe beim Fenster im bräutlichen Schmuck. Sie trug ein schlichtes, weißes Wollenkleid, das sich weich anschmiegte und das herrliche Ebenmaß ihres jungfräulichen Körpers ahnen ließ. Von der rechten Schulter wand sich nach der Mitte der Brust eine frische Ranke von Myrthenblüten, und die glänzenden, braunen Zöpfe, die, wie Maria es liebte, rund auf dem Scheitel aufgesteckt waren, trugen eine zierlich geflochtene Myrthenkrone. Mit dem Arm hatte sie leicht die Säule umschlungen, während ihre Augen sinnend hinaus in die Weite gerichtet waren. Das feingeschnittene Profil und die edle Linie des Halses, den das Kleid freiließ, zeichneten sich von dem lichtvollen Hintergrunde rein ab. Ein goldener Morgenstrahl der Oktobersonne drang durch die Butzenscheiben im oberen Teile des breiten Fensters und küßte ihren braunen Scheitel. Von der Erscheinung der zu herrlichster Pracht sich erschließenden Mädchenblüte ging eine reine Harmonie aus, und das Gesicht der Jungfrau verkündete schmerzliche Innigkeit, die nach Seelenstärke begehrte.
Max stand lautlos und hielt den Blick unverrückt auf Maria gerichtet, um die Erinnerung an dieses wunderbare Bild seinem Herzen tief einzuprägen. Mehrere Sekunden blieben seine Augen an der Erscheinung hängen, – da wandte Maria sich von ungefähr um und machte dabei eine leichte Bewegung des Erschreckens, als sie die männliche Gestalt auf der Schwelle gewahrte. Im nächsten Augenblick aber und noch bevor Max seine Erstarrung abschütteln konnte, flog Maria auf ihn zu und schlang leidenschaftlich die Arme um seinen Hals.
»Geliebter,« sagte sie mit fliegendem Atem, »ach, wie froh ich bin, daß Du endlich bei mir bist. Ich habe mich um Deinetwillen so sehr geängstigt!« Und das klopfende Herz, das Max an dem seinen fühlte, bestätigte ihm die Wahrheit ihrer Worte.
Max trat in das Zimmer, küßte seine Braut zärtlich und sprach: »Hat der Schmerz des Abschieds mein Lieb schon sobald heimgesucht? Sei mein tapferes Mädchen wie immer und vertraue dem gütigen Geschick, daß es uns ein Wiedersehen feiern lassen wird.«
»Wiedersehen? Ach! Wo werden wir uns wiedersehen?« sprach Maria leise und gedankenvoll, den Blick zu Boden geschlagen. »Aber Du irrst, Geliebter,« fuhr sie alsbald lebhafter fort, »der Schmerz der Trennung ist es nicht gewesen, der mir so viel Schrecken eingeflößt hat, sondern ein böser Traum, der mich am frühen Morgen heimsuchte.«