Mit diesen Worten waren sie zum Erker geschritten und ließen sich nun, die Arme einander um die Schultern gelegt, auf der Ruhbank am Fenster nieder.

»Gegen Mitternacht,« begann Maria, »vernahm ich plötzlich im Schlafe eine ungeheure Erschütterung, gleich dem Krachen eines Kanonenschusses, der in kurzer Entfernung von mir abgefeuert wurde. Die Fenster klirrten, und es war einen Augenblick, als ob die schwankenden Wände über mir zusammenstürzen wollten. Da trat nach einer bangen Viertelstunde die Tante ins Zimmer und erzählte, daß der Schloßturm, in dem das französische Pulver lagerte, in die Luft geflogen sei. Heute morgen habe ich versucht, den Ostflügel zu betreten. Aber man kann nicht weit darin vordringen, denn die Gänge sind verschüttet und die Mauern eingestürzt. Viel Schaden ist damit nicht angerichtet; der Flügel war ja schon wegen seiner Baufälligkeit seit langem nicht mehr bewohnt und geräumt. Daß der alte, verwitterte Geselle ein solches Ende finden mußte! Gerade er, glaubte ich, würde am längsten trotzen.

Lange mußte ich über den rasch fortschreitenden Verfall des Schlosses unserer Väter nachdenken, bis ich endlich wieder den Schlummer fand. Da fuhr ich mit einem Male von neuem auf. Diesmal aber war ein schrecklicher Traum die Ursache.«

»Träume sind leichte Gesellen,« tröstete Max. »Unstät und ohne Skrupel um die Wahrheit dessen, was sie künden, führen sie ein wahrhaftes Zigeunerleben. Bald bei diesem, schnell wieder bei jenem, statten sie den Menschen ihre schattenhaften Besuche ab, wispern dem Unglücklichen berauschende Worte ins Ohr, die ihm märchenhaftes Glück prophezeien, oder gaukeln ihm die lieblichsten Bilder vor die Seele, während sie den, dem ein froheres Erdenlos zuteil ward, mit bösen Vorstellungen schrecken und seinem fröhlichen Sinn die Quelle abgraben. Erwacht dann jener vom Schlummer, so bemerkt er mißmutig, daß ein schöner Traum ihn geäfft, der sein Elend mit einem goldenen Mäntelchen umkleidet hatte, und schlägt dieser die Augen zum Morgenlicht auf, so beschleicht ihn blasse Furcht, und der Schwache überträgt die Schrecknisse seiner Phantasie nur allzuwillig auf das Leben des Alltags. Träume sind Seifenblasen, mein Lieb! Ihre Oberfläche ist schillernd und versprechend, im Innern aber sind sie hohl. Und will man sie schärfer ins Auge fassen, zerspringen sie, und nichts bleibt mehr übrig von ihnen als der winzige Tropfen, der herabfällt, und den der durstige Sand begierig aufsaugt.«

»Mein Bräutigam,« versetzte Maria mit leise wieder aufkommender Fassung. »Du Lieber, Guter, wie vortrefflich Du Dich doch aufs Trösten verstehst! Sieh, wenn Du bei mir bist, ist mir nie bange. Wenn Du aber fern von mir weilst, dann schleichen leicht trübe Ahnungen mir in die Seele, und meine Phantasie nimmt geschäftig die Fäden auf und spinnt sie ineinander. Und der bunte Teppich, den sie also gewoben, zeigt zuweilen gar kein freundliches Bild.«

Maria hielt im Sprechen inne, und eine Glutwelle färbte ihr Gesicht purpurn, als sie mit stockender Stimme leise bat: »Max, – küsse mich!«

Bewegt beugte sich Max nieder und drückte in ehrfurchtsvoller Scheu die Lippen auf Marias reine Stirn.

Mit unendlicher Zärtlichkeit schlang das Mädchen seinen Arm um den Hals des geliebten Mannes und legte die Stirn an seine Wange.

»Ach, Max,« fuhr sie fort, »der böse Traum hat mich aber auch allzusehr erschreckt. – Ich sah Dich in schwerer Gefahr. Du saßest in schwankendem Boot und strengtest alle Deine Kräfte aufs äußerste an, das Ufer des Sees zu erreichen. Aber der Sturm tobte mit unbeschreiblicher Heftigkeit, und die Wellen gingen so hoch, daß das tanzende Schifflein oft meinen Augen entschwand. Ich stand am Rande des Ufers und schrie in meiner Seelenangst laut auf und rang in Verzweiflung die Hände, denn ich sah, wie die Kraft der entfesselten Elemente Deiner übermenschlichen Anstrengungen spottete. Der Raum zwischen Dir und mir ward immer größer, und die Wellenberge, die mich von Dir schieden, türmten sich immer höher auf. Da machte ich im Schlafe eine heftige Bewegung und erwachte, in Schweiß gebadet. Rosiges Morgenlicht erfüllte das Zimmer und rief mir zu, daß ich ja nur geträumt habe. Aber meine Sinne waren noch lange im Banne der nächtlichen Erscheinung. Und als ich dann die brennende Stirn mit frischem Wasser kühlte und dabei wie von selbst die Augen schloß, – gleich war er wieder da, der schlimme Spuk und erschreckte meine Seele aufs neue. Ach Max,« bat das Mädchen flehend, – »küsse mich wieder!«

Max war von Marias qualvoller Angst gerührt. Mit überschäumender Herzlichkeit küßte er sie und preßte ihren Kopf zärtlich an seine Brust und sprach ihr begütigende Trostworte zu.