»Du lieber Mann, Beherrscher meiner Seele, wie lieb ich Dich doch habe!« sagte Maria, sich eng an ihn schmiegend. »Aber nicht wahr,« fügte sie rasch hinzu, indem sie ihm mit Innigkeit und neu erwachter Stärke in die Augen sah, »wie es auch kommen mag, Geliebter meines Herzens, laß uns in unerschütterlichem Vertrauen auf Gott bauen!«
»Ja, wir wollen unsere Zukunft in seine Hände legen,« antwortete Max und erhob sich. »Aber jetzt komm mein Lieb, reiße Dich heraus aus den ängstigenden Vorstellungen, die Deine Seele bedrücken. Laß uns miteinander fröhlich sein, den heute ist ja unser Hochzeitstag! Und nun gehen wir zur Kirche, auf daß der Himmel um seinen Segen für unsern Bund angefleht werde.«
»Ach, Du tust recht daran, Geliebter,« antwortete Maria, »mir diesen schönen Gedanken in die Seele zurückzurufen. Ja, heute ist mein Hochzeitstag,« sagte sie leise wie im Selbstgespräch, während ihr Blick wieder durch das Fenster in das weite Land hinein schweifte und sich träumerisch verlor. Das Mädchen vergaß den Ort und ihre Umgebung für einen Augenblick. Ihre Lippen lispelten leise Worte, und auf dem Gesicht spielte ein sonniges Leuchten. Da verschwand plötzlich der Zug des Glückes von ihrem Antlitz, und der verstörte Ausdruck geheimer Angst trat wieder an seine Stelle. Mit einem leidenschaftlichen Aufschrei warf Maria wie bei Maxens Eintreten die Arme um seinen Hals und flehte zitternd wie ein Kind und mit bebender Stimme:
»Trübe Ahnungen beschleichen mir die Brust; Max, – – küß mich noch einmal!«
Da kam dem starken Mann doch eine tiefere Rührung an, als sich in bewegten Augenblicken sonst bei ihm einzustellen pflegte. Mit zitternden Händen griff er nach dem Mädchen, drückte die heftige Schauernde an sich und bedeckte Stirn, Augen und Mund mit ungezählten Küssen.
***
Wenn in späteren Jahren die um die Zeit unserer Erzählung jungen Männer als Greise von der Einsegnung der dreizehn Freiwilligen erzählten, dann unterließen sie nie, hinzuzufügen: keiner aus dem Dorfe fehlte; der schwerkranke Sägemüller ließ sich von seinen zwei mitausmarschierenden Söhnen im Bett in die Kirche tragen, und drei Tage darauf starb er.
Das Gotteshaus war mit Andächtigen dicht gefüllt. In allen Gängen, rund um den Altar und in den offenen Türen und Fenstern standen oder saßen sie. Die Mütter hielten die Kleinsten auf dem Arm, und alle verharrten in andächtigem Schweigen. Eine hohe Feststimmung hatte sich auf die einfachen Menschen herabgesenkt, von denen jeder einzelne stolz auf die Männer schaute, die in einer Reihe dicht vor den Stufen des Altars Platz genommen hatten.
Feierlich begann die Glocke auf dem Turm des Kirchleins zu läuten, und die Worte, die der metallne Mund rief, hielten bedeutungsvolle Zwiesprache mit der Stimme im Busen eines jeden der Andächtigen. Leise setzte zu einem feierlichen Präludium die Orgel ein, bis endlich die herrliche Melodie des Hauptliedes des heutigen Gottesdienstes durch die Kirche brauste. Ein paar gedrängte Augenblicke, und dann fielen die Stimmen ein. Alle Kümmernis, die diese Menschen bedrückte, und alle Bitten nach Tröstung und göttlicher Hilfe ergossen sich aus ihren Herzen in die Worte des Psalms: Alles was Odem hat, lobe den Herrn!
Da erschien Pastor Reinerz am Altar. Er hatte eine schwere Krankheit hinter sich und übte heute zum ersten Male wieder sein Amt aus. Mühsam waren seine Schritte, mit denen er die Stufen hinaufging. Als er aber wieder an seinem lieben Platze stand, den er vor vierzig Jahren das erste Mal betreten hatte, als er die Melodie seines Lieblingschorales vernahm, und als er um sich schaute und die dichtgedrängte Menge gewahrte, da wurde ihm, ach, so warm ums Herz. Seine Augen blitzten vor Freude, und die bleichen Wangen und seine Stirn überzog eine feine Röte.