Der Blick des Fremden fiel in das Zimmer, ein geräumiges Gemach mit schweren, altväterischen Möbeln, das von einer Hängelampe erleuchtet wurde. In der Mitte des Raumes stand ein großer, runder Tisch, auf dessen weißem Tuche das Abendbrot aufgetragen war.

In einem hochlehnigen, mit Leder bezogenem Stuhle saß eine Frau, die in einem Buche las, von der Form der auf dem Lande damals im Gebrauche befindlichen Andachtbücher. Bei den hastig ausgestoßenen Worten ihres Sohnes nahm Frau von Tiefenbach langsam die Brille mit den runden Gläsern von der Nase, klappte das Buch zu, erhob sich vom Stuhle und schaute auf die Eintretenden. Sie hatte, wie ihr Sohn, die hohe Gestalt der Tiefenbachs und schien sich den Siebzigern zu nähern. Die leichtgebeugte Haltung des mit tiefschwarzem, glattgestrichenem Haar bedeckten Kopfes deutete auf starkes Selbstbewußtsein. Aus dem hagern Gesicht ragte die starke Nase scharf hervor, und die leichtgeschlossenen Lippen umspielte ein Zug, der eisernen Willen gepaart mit Stolz verriet. Beherrscht wurde der Ausdruck dieses Gesichts aber durch die tief in ihre Höhlen zurückgesunkenen, grauen Augen, die sie auf jeden, mit dem sie sprach, fest zu richten pflegte.

Der freudige Ton, der aus Maxens Worten geklungen hatte, war Frau von Tiefenbach nicht entgangen. Sie sah voll Erwartung auf den Fremden, dessen Fuß bei ihrem Anblick einen Augenblick gestockt hatte. Dann trat der Ankommende auf sie zu und ergriff mit einer tiefen Verbeugung die zum Gruße dargebotene Hand.

»Bernhard von Friesen ist es, Mutter, mein alter Freund, von dem ich Dir so manches liebe Mal erzählt habe.«

Die Freihoferin ließ einen langen Blick über den jungen Mann gleiten, der noch immer in achtungsvoller Haltung vor ihr stand.

»Seien Sie willkommen, Herr von Friesen,« sagte sie. »Sie haben recht getan, Ihre Schritte nach Rehefeld zu lenken. Freilich werden Sie manches von dem entbehren müssen, was die königliche Residenzstadt Ihnen bietet. Aber was der Freihof besitzt, wird er Ihnen geben. Ich bin erfreut, meines Sohnes Freund kennen zu lernen!«

Während dieser Begrüßung war es dem Angekommenen noch nicht gelungen, sich von dem Bann zu befreien, den die Erscheinung dieser Frau auf ihn ausübte. Jetzt aber hörte er aus dem ihm anfangs hart erschienenen Klange der Stimme Wärme und Herzlichkeit heraus und er bekam seine verlorene Sicherheit schnell wieder.

Mit dem Anstand eines Jünglings von guter Erziehung, dankte er der Hausherrin für den herzlichen Willkomm und sprach die Bitte aus, ihm wegen seines Eintritts zu dieser ungewohnten Stunde und ohne vorausgegangene Anmeldung seines Erscheinens nicht zu zürnen.

Dann setzten sie sich zum Abendessen an den mächtigen Tisch, das in angeregter Unterhaltung verlief.

Die beiden jungen Männer tauschten Erinnerungen an die Jahre aus, die sie zusammen auf der Fürstenschule des nahegelegenen Grimma in treuer Freundschaft verlebt hatten. Seitdem hatten sie sich nicht wieder gesehen und nur wenige Briefe gewechselt.