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Als Friesen am andern Morgen erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Schnell beendete er seine Morgentoilette und schaute zum Fenster hinaus. Das Zimmer lag an der Giebelseite des Wohnhauses. Edle Weinreben umrankten das Fenster, und ein paar mächtige Birnenbäume verwehrten den Sonnenstrahlen den ungehinderten Zutritt. In kurzer Entfernung vom Gute rieselte zwischen dunkelgrünen Wiesen der Göselbach vorüber, an dessen beiden Ufern dichte Weidengebüsche standen, die, vom Winde bewegt, sich tief über das Wasser neigten, als ob die langen Ruten darnach trachteten, ihre Spitzen zu benetzen. Darüber hinweg sah das Auge weit hinein in die tiefe Ebene.
Friesen ging hinab und trat in das Wohnzimmer, wo er aber niemand vorfand. Eine Magd, die ihn bemerkt hatte, deckte alsbald den Tisch und trug das Frühstück auf. Dann verließ sie mit einer schüchternen Einladung zum zulangen wieder die Stube.
Der würzig duftende Kaffee, die goldgelbe Butter und das frische Brot lockten unwiderstehlich, und Friesen hatte genug Appetit, um sich nicht vergeblich einladen zu lassen.
Er wollte sich mit dem Essen beeilen, um dann nach Max zu sehen, der gewiß schon längst bei der Arbeit war und über den Langschläfer lächeln würde.
Das Frühstück mundete vortrefflich, als Friesen mit einem Male ein leises Geräusch vernahm, und als er sich rasch umschaute, sah er auf der Schwelle der weitgeöffneten Tür ein weibliches Wesen stehen, das ihm wahrscheinlich schon eine Weile zugesehen hatte.
Er fühlte sich überrascht und wußte nicht, welche Bezeichnung er der plötzlichen Erscheinung geben sollte. War es eine Jungfrau, die da vor ihm stand, oder ein hochaufgeschossenes Kind? Er konnte sich diese Frage nicht beantworten. So ließ er den Blick unverwandt auf dem etwas bleichen, allerliebsten Gesichtchen ruhen, das sich in tiefe Sorgenfalten gelegt hatte und sich sichtlich alle erdenkliche Mühe gab, seinen bekümmerten Ausdruck festzuhalten.
»Also, so behandelt man Gäste,« scholl es von der Tür her, die im nächsten Augenblick zuflog. »Nein, nein, bitte setzen Sie sich wieder und lassen Sie sich’s weiter schmecken! Sie müssen schon entschuldigen, Herr von Friesen, die arge Vernachlässigung findet ihren Grund aber nur darin, daß man auf dem Freihof nicht gewöhnt ist, Gäste zu empfangen. Nun ich denke, wir werden an Ihnen darin lernen, um wenigstens allmählich so weit zu kommen, daß wir in Zukunft unsere Gäste nicht mehr allein sitzen lassen.«
Das Mädchen war, indem es diese Worte hervorgesprudelt hatte, langsam näher getreten, während Friesen auf wiederholtes Drängen hin das unterbrochene Frühstück fortsetzte.
Nun stand sie ihm gegenüber am Tische. Die beiden Hände aufgestützt und den Oberkörper leicht vornübergeneigt, schaute sie ihm mit unverhohlener Neugierde in das Gesicht.