Friesen gestand sich, daß ihm gestern Abend, Maxens Mutter gegenüber, seine kühle Besonnenheit eine kleine Weile im Stich gelassen hatte; unter den Augen dieses Kindes aber, schien sich seine Verlegenheit wiederholen zu wollen. Die Ähnlichkeit, besonders aber die blauen Augen des Mädchens, konnten ihm keinen Zweifel lassen, daß sie die Schwester des Freundes war, von der ja auch Mutter Lehnhardt gesprochen hatte. So viel frischer Natürlichkeit und holdem Liebreiz gegenüber, konnte er sich nur langsam aus seiner Überraschung erholen, zumal ihn das Mädchen noch immer unverwandt musterte. Ihre Augen leuchteten wie die eines Kindes, dem eine große Freude geworden ist, aber in den Winkeln des in komischer Entrüstung zusammengekniffenen Mundes lauerte der Schalk. Jetzt endlich verschwand der gutgespielte Ernst von dem Gesichtchen, und das Mädchen brach in ein fröhliches Lachen aus.
Friesen begrüßte diesen Heiterkeitsausbruch als willkommene Erleichterung, doch kam ihm der plötzliche Umschlag der Situation immerhin ein wenig unvermittelt, und seine Ratlosigkeit wurde infolgedessen nicht geringer. Dieses Gefühl mußte sich wahrscheinlich auf seinem Gesicht widerspiegeln, denn die Heiterkeit wurde lauter und zuletzt so befreiend, daß Friesens Verlegenheit mit einem Schlage wich, und er von der Fröhlichkeit angesteckt und mit fortgerissen wurde. Und damit war er wieder Herr seiner selbst.
Endlich verklang das fröhliche Lachen, und das Mädchen zog sich einen Stuhl heran, um ebenfalls zu frühstücken. Aber obgleich die kleinen, weißen Zähne tapfer in die Semmeln bissen, konnte sie nicht schweigen. Hundert Fragen zugleich schwebten ihr auf der Zunge, die sämtlich verrieten, daß das Kind von alledem, was sich jenseits eines Umkreises von drei Meilen von Rehefeld auf der Erde abspielte, herzlich wenig kannte. Ihr Wissensdurst war unbegrenzt und die Einfalt ihrer Fragen so erfrischend, daß Friesen immer wieder in dieses Kindergesicht blicken mußte, um sich von neuem Gewißheit zu verschaffen, daß mit ihm nicht ein loses Spiel getrieben wurde. Die Augen voll Erwartung auf ihn gerichtet, lauschte das Mädchen seinen Antworten, sie zuweilen mit verständnisvollem Nicken oder mit unwilligem Schütteln des Kopfes begleitend, das so arg werden konnte, daß der blonde Zopf, der bis zum Schürzenband hinabreichte, hin- und herflog.
Friesen mußte unwillkürlich dieses kleine Dorffräulein in seiner rührenden Unschuld mit denen ihres Geschlechtes vergleichen, die in kunstvoller Perrücke und mit gemalten Gesichtern alle pikanten und skandalösen Ereignisse der Residenz vor dem allzu schnellen Hinabtauchen in die Vergessenheit glücklich bewahrten und nicht müde wurden, solche Vorgänge mit liebevoller Mühe und Beharrlichkeit in die kleinsten Einzelheiten zu zerlegen. Unter diesen wäre kein Boden für solch ein Pflänzlein, dachte er, es würde bald traurig das Köpfchen hängen, und der Seelenfrieden eines so lieblichen Menschenkindes würde in kurzer Zeit gestört sein.
Aber Friesen fand nicht viel Zeit zu längeren Betrachtungen, denn die Kleine war unermüdlich im Fragen.
Plötzlich brach sie ab, es schien ihr etwas einzufallen. Dann sagte sie sehr ernst:
»Aber, Herr von Friesen, wissen Sie denn eigentlich wer ich bin?«
Diese Frage kam wieder so unerwartet und berührte Friesen so komisch, daß er nur mit Mühe ein Lächeln zurückhalten konnte. Er zwang sich dazu, ebenfalls ernst zu sein und sagte, mit schelmischem Anklang in der Stimme, vorwurfsvoll:
»Nein, wie kann ich denn wissen wer Sie sind, wenn Sie mir es nicht sagen!«
Das niedliche Geschöpfchen sah seinem Gegenüber noch eine kleine Weile in die Augen, dann erfolgte ein neuer Heiterkeitsausbruch der alle vorangegangenen übertraf, und in den Friesen wieder mit einstimmte.